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: Der Himmel ein wenig zerknittert

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Allen Ideologien gefolgt, alle Reisen gemacht, alle Gedanken gedacht. Wie schade, dass er diese letzte Reise nicht mehr unternommen hat. Diese letzte Reise, die ein Fanal sein sollte gegen die Mechanisierung Amerikas, gegen die Mechanisierung der Welt und des modernen Lebens. Mit dem Fahrrad wollte ...

          Allen Ideologien gefolgt, alle Reisen gemacht, alle Gedanken gedacht. Wie schade, dass er diese letzte Reise nicht mehr unternommen hat. Diese letzte Reise, die ein Fanal sein sollte gegen die Mechanisierung Amerikas, gegen die Mechanisierung der Welt und des modernen Lebens. Mit dem Fahrrad wollte Curzio Malaparte Mitte der fünfziger Jahre Amerika durchqueren, von New York nach San Francisco, unaufhörlich Coca-Cola trinkend, denn Coca-Cola sollte die große Protestfahrt sponsern. Zweitausend Flaschen - das hatte Malaparte zugesagt - würde er unterwegs trinken.

          Leider kam es nicht mehr dazu. Er flog noch einmal in die Sowjetunion, dann nach China, traf Mao Tse-tung, war begeistert von ihm, von den Errungenschaften der Revolution, von China und von den Chinesen und erkrankte dort aber schwer. "Die Chinesen mag ich gern" nannte er seine letzte Reportage und flog zurück nach Rom, wo er, in einer Klinik, kurz vor seinem Tod, endlich, nach langem Bitten, doch noch Mitglied der kommunistischen Partei wurde und zum katholischen Glauben übertrat. Wunderlich, überraschend, in seiner ganzen Inszenierung irgendwie übertrieben ging das Leben des italienischen Schriftstellers Curzio Malaparte zu Ende. Angemessen für diesen Mann. Angemessen für dieses Leben.

          1898 war er in der toskanischen Industriestadt Prato unter dem Namen Kurt Erich Suckert als Sohn eines erfolglosen sächsischen Textilunternehmers und einer Mailänder Bürgerstochter zur Welt gekommen. Schon mit sechzehn lief er von zu Hause davon, um, noch bevor Italien überhaupt in den Krieg eingetreten war, in einer Sonderdivision gegen die Deutschen zu kämpfen. Das war der Anfang. Und danach hat Malaparte kaum einen Kampf, kaum eine Revolution in seinem sonderbaren Übertreibungsleben ausgelassen. Schon mit dem neuen Namen, den er sich 1925 zulegte, inszenierte er sich als Gegen-Bonaparte, als Kaiser des Bösen. Malaparte - glühender Faschist, Mussolini-Anhänger und Mussolini-Feind, Kriegstreiber, Schönheitsfreund, Lebensdarsteller, Chefredakteur, Regisseur, Dramatiker, Bauherr eines der erstaunlicheren Häuser des letzten Jahrhunderts und Autor zweier zynischer Meisterwerke, der Kriegs- und Nachkriegsromane "Kaputt" und "Die Haut".

          Jetzt, fünfzig Jahre nach seinem Tod, kann der deutsche Leser noch einmal Neues von Malaparte lesen. Erstmals erscheinen in diesen Tagen seine Reportagen auf Deutsch. Die Welt von damals, gesehen mit den Augen von Curzio Malaparte. Es ist - ein merkwürdiger Blick. Malaparte war fast überall: am Polarkreis und in Äthiopien, in Schottland, China, Belgien, in Worms und Buenos Aires, im Krieg und im Frieden. Fast den ganzen Zweiten Weltkrieg erlebte er an der Front. An den verschiedensten Fronten. Nicht mehr als Kämpfer, nein, das war lange vorbei. "Ich bin dazu geboren worden, ein paar schöne Seiten zu schreiben, nicht, um im Krieg zu sterben", teilte er seiner Regierung mit, und der Außenminister Galeazzo Ciano befreite ihn also vom Dienst an der Waffe und betraute ihn stattdessen, wie vom Dichter bestellt, mit dem Dienst an der Schreibmaschine. Zunächst trabte Malaparte 1939 auf dem Rücken eines Kamels Hunderte von Kilometern durch Äthiopien, das Land, das Mussolinis Truppen 1936 erobert hatten. Malaparte betrachtete es sich von oben. Doch als der Krieg in Europa losbrach, fühlte er sich doch ein wenig an den Rand gedrängt. Etwas zu weit abseits vom sogenannten Weltgeschehen. Also ließ er sich vom Außenminister nach Griechenland schicken. Ein heikler Auftrag. Denn der Angriff der italienischen Truppen auf das Land stand im Herbst 1940 unmittelbar bevor. Malaparte war sozusagen als schreibender Kriegsvorbereiter in offizieller Mission und Alpenjägeruniform unterwegs. Er erledigte seinen Auftrag nicht so ganz zur Zufriedenheit der Machthaber. In Gesprächen mit dem italienischen Botschafter in Athen wies er darauf hin, dass er von dem bevorstehenden Angriff gar nichts halte, woraufhin der Außenminister erklären ließ: "Malaparte kann schreiben, was er will, aber den Krieg in Griechenland werde ich trotzdem machen."

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