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: Der heiße Tip fürs Übersetzungsbüro

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David Corfield ist einer, der eine philosophische Revolution im Schilde führt, die der nautischen des Kolumbus in vielem ähneln könnte. Er will aber nicht nach Indien, sondern möchte ganz explizit Amerika entdecken und hat auch schon ein paar recht nützliche und artige Vorstellungen davon, wie es dort aussehen müßte.

          David Corfield ist einer, der eine philosophische Revolution im Schilde führt, die der nautischen des Kolumbus in vielem ähneln könnte. Er will aber nicht nach Indien, sondern möchte ganz explizit Amerika entdecken und hat auch schon ein paar recht nützliche und artige Vorstellungen davon, wie es dort aussehen müßte. Sein Buch entwirft einen dynamischen Historismus auf dem Feld mehr oder weniger ewiger Wahrheiten: Sachen, Verhältnisse und Gedankenfrüchte, etwa Geometrien, formale Systeme und fallibilistische mathematische Forschungsprogramme, in der Weise, wie er das tut, als geschichtlich vergänglich zu begreifen, bedeutet, daß man keinen Anfang mehr sucht, keine Letztbegründung, sondern loslegt, wo man steht.

          Der Nachteil dieses Verfahrens, wenn man damit Philosophie der Mathematik treiben will, ist zwar, daß es zur stabilen Systembildung nicht taugt. Der Vorteil ist aber, daß auch die Mathematik selbst kein System in irgendeinem statischen Sinn darstellt, ja daß die Mathematiker, sobald ein echtes Problem auftritt, ebenfalls immer gerade da anfangen müssen, wo ihre Disziplin historisch steht, anstatt im voraussetzungslosen Jenseits. Es gibt Kollegen, die Corfield einen "Dialektiker" nennen, weil er Uranfängliches meidet, und es soll ja wirklich ein ganz ähnliches Denkmotiv gewesen sein, das Kritiker des Bestehenden von Marx bis Adorno an der Hegelschen Methode zuallererst angezogen hat.

          Die meisten Philosophen der Moderne von Rang, die man als Philosophen der Mathematik kennt, sind bereitwillige Anwender von etwas, das Corfield den "fundamentalisierenden Filter" nennt. Damit ist gemeint, daß ihnen das "Hilbertsche Programm" aus dem späten neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert, der systembildende Anspruch einer Grundlegung aller mathematischen Schlußweisen qua weitestgehende Formalisierung und Vereinheitlichung, als Schnittstelle von Mathematik und Philosophie erscheint.

          Mathematische Warheiten fassen sie - wie man sagen darf: mit einigem Recht - als unveränderlich auf - das ist die eine, große Stärke ihres Ansatzes und der Grund ihrer hohen Verdienste. Die Schwäche aber liegt darin, daß die für Begründungsprojekte dieses Zuschnitts relevante Mathematik großenteils vor 1930 gebaut worden ist. Die philosophisch ausschließlich interessante Mathematik also auch? Nein, das kann nicht sein. Corfield hält deshalb eine Entwicklungsauffassung dagegen, die mathematische Theorien nicht als etwas in sich Resultatives, sondern einfach als die prozessualen Produktionsmittel zur Erlangung mathematischer Wahrheiten versteht. So wird ihm die Arbeit der Großen des neunzehnten Jahrhunderts zu "Handwerk" auf Manufakturstufe, während er zum Beispiel die algebraische Topologie, wie sie Mitte des letzten Jahrhunderts Gestalt annahm, einer "Industrieanlage" vergleicht.

          Vom Schuster zur Schuhfabrik: das war ein Fortschritt, der nicht nur mit Maschinen zu tun hat. Die Mathematik, sagt Corfield, kennt einen ähnlichen, und auch er war ein organisatorischer, nicht nur einer der materiellen Apparate, etwa der vergleichsweise spät eingeführten Computer.

          Ein wichtiger Beweggrund solchen Denkens ist, wie bei allen tüchtigen Revolutionären, der moralisch-ästhetische: Corfield empfindet es einfach als eine Beleidigung des menschlichen Geistes, daß wunderbare, "späte" Schöpfungen wie die Kategorientheorie von MacLane und Eilenberg oder die modernen nichtkommutativen Geometrien in der zeitgemäßen Philosophie des Fachs keine Rolle spielen sollen.

          Begreift man Tradition nicht als Gegenpol, sondern als Bedingung von Fortschritt, hat man den schwächsten Punkt der Lehre der Fundamentalisten im Blick: Sie können mit ihr nicht erklären, wie Fortschritt zustande kommt. Denn als braven Strukturalisten sind ihnen alle Strukturen gleichwertig, deren Ko-Evolution wird ihnen also immer arbiträr vorkommen, sie müssen Fortschritt letztlich leugnen. Das bringt sie nicht nur diachron in Schwierigkeiten: Es haben sich Theorien durchgesetzt und andere erübrigt, das ist Geschichte; aber auch in der Jetztzeit verlangen wir vom Forscher, daß er die interessanten von den uninteressanten Sachen zu unterscheiden weiß.

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