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: Der Handball-Punk als kleines Weichei

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Erste Sätze sind entscheidende Sätze. Meter literaturwissenschaftlicher Abschlussarbeiten sind der Bedeutung erster Sätze in den Werken großer und weniger großer Autoren gewidmet. Es gibt auch den Alltagstest: Was auf den riesigen Büchertischen der großen Geschäfte nicht auf Anhieb gefällt, hat keine Chance, gekauft zu werden.

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          Erste Sätze sind entscheidende Sätze. Meter literaturwissenschaftlicher Abschlussarbeiten sind der Bedeutung erster Sätze in den Werken großer und weniger großer Autoren gewidmet. Es gibt auch den Alltagstest: Was auf den riesigen Büchertischen der großen Geschäfte nicht auf Anhieb gefällt, hat keine Chance, gekauft zu werden. In der jungen deutschen Literatur wird man leider das Gefühl nicht los, dass alle Energie in erste Sätze gesteckt wurde - und es danach steil bergab geht. Vielleicht rät die Marketingabteilung: "Denk dir für den Anfang was ganz Wildes aus, die Leute lesen im Laden eh nur die ersten Sätze." Wer überoriginell beginnt, lässt oft stark nach. Zu hohes Anfangstempo. Konnte nicht gehalten werden.

          "Den ersten Sex erlebte ich mit neun. Das war ziemlich traumatisch." Ein guter Einstieg? Schon. Vor allem für eine Sportlerautobiographie. Genaugenommen sind die beiden Sätze mit dem Blickfang-Wort nicht die allerersten in Stefan Kretzschmars Buch "Anders als erwartet", sondern die ersten Sätze des zweiten Kapitels mit dem schönen Titel "Mannwerdung". Die echten ersten Sätze sind langweilig. Sie leiten ein erwartbares erstes Kapitel ein. Aber Kretzschmar steigert sich in diesem überraschenden Buch. Er geht nämlich ganz nah ran. Immer näher. Dahin, wo es weh tut. Obwohl er immer auf Linksaußen gespielt hat, wo das Handballspielen am wenigsten schmerzt.

          Der erste Sex war nicht der eigene, sondern der Verkehr der Eltern - Geräusche aus dem Wohnzimmer, der kleine Stefan verstört aus dem Bett tapsend und Papa und Mama dann in einer Situation, die kein Kind sehen möchte. Sein Vater sagte: "Du, Stefan, die Mami ist krank, der geht es nicht gut und ich habe versucht, das in Ordnung zu bringen." Witzig, traurig oder einfach hilflos, man kann zu verschiedenen Urteilen gelangen, und das Gute an diesem Buch ist, dass Kretzschmar die Dinge beim Namen nennt: "Seine Eltern beim Sex zu erwischen ist noch schlimmer, als sich seine Eltern beim Sex vorzustellen." Sportlerbiographien sind meist Heldengeschichten. Spiele oder Wettkämpfe werden nacherzählt, die großen Erfolge seitenlang ausgebreitet, und um den Helden ein bisschen Tiefe zu verleihen, behandeln ein oder zwei Kapitel wahlweise die schwierige Kindheit oder eine schlimme Verletzung. Kretzschmar hatte für Handball-Verhältnisse keine schlimme Verletzung. Überhaupt spielt der Sport in seinem Buch keine große Rolle. Der Sieg in der Champions League 2002 mit dem SC Magdeburg wird in ein paar Zeilen abgehandelt. Kretzschmar und sein Biograph Sven Beckedahl, Chefreporter der "Sportbild", haben einen anderen Weg gewählt. Es ist ein körperlicher Weg, ein sinnlicher. Das ist oft ziemlich eklig. Aber es passt zu einem, der großflächig tätowiert und vielerorts durchstochen ist. So etwas macht man ja, um sich selbst zu spüren. Es darf ruhig weh tun. Kretzschmars Antrieb ist der Kampf um Anerkennung - von seiner Mutter, einst beste Handballerin der DDR. Dass der Sohn zum gesamtdeutschen Star wird, während sich für sie niemand mehr interessiert: eine Katastrophe für die Mutter, die sich für den persönlichen Wertverlust am Sohn rächt. Kretzschmar schreibt: "Arschloch war das Wort, das ich am häufigsten von Mutter neben dem Wort Versager zu hören bekam." Der Vater greift nicht ein in das traumatische Mutter-Sohn-Verhältnis. Alles war da in dieser privilegierten Jugend als Sohn zweier Sportstars. Nur die Liebe fehlt. Ein goldener Käfig, in dem es eiskalt zog.

          In Kretzschmars Buch wird viel gesoffen und gekotzt. Es werden Körperflüssigkeiten ausgetauscht. Charlotte Roche muss dieses Buch lieben. Auch der erste Orgasmus wird uns nicht vorenthalten. Das Desaster ist voller Selbstironie beschrieben, natürlich aus einer sehr männlichen Perspektive, und stellt den bekanntesten deutschen Handballspieler als eben den unerfahrenen, peinlichen Jüngling dar, der er war. Überhaupt die Ironie. Kretzschmar war ja eine Stilikone des Handballs. Er brach mit allen Regeln, hatte zig verschiedene Meinungen, Frisuren und Outfits. Handball ist ein alter, deutscher, wertkonservativer Sport. Kretzschmar hat viel dafür getan, dass sich junge Menschen für die Ballwerfer interessierten. Im Buch beschaut er seinen Stil von einst schonungslos, macht sich lustig, wie er damals aussah. Mode, Musik, Marken, das war ihm immer mindestens so wichtig wie Handball. Kretzschmar beschreibt sich als schüchtern, sensibel, uncool, infantil, links und sehr peinlich - in der Handballszene wusste man, dass der "Handball-Punk" ein kleines Weichei ist, doch für die Öffentlichkeit war er der geile Kerl, der auf MTV Sendungen moderierte und mit Franziska van Almsick zum deutschen Glamour-Paar aufstieg (ihr Porträt ließ er sich als Tattoo auf die Wade stechen). Stefan Kretzschmar: eine treue Seele mit wenigen Freunden, im Herzen unpolitisch, manchmal dumm, wie im Geschäftsleben, als seine Kneipe "K 73" fast pleiteging, weil er keine Ahnung vom Geschäft hat.

          "Niederlagen" heißt das vorletzte Kapitel. Es geht nicht um Niederlagen im Sport. Kretzschmars Eltern waren Sportstars der DDR. Besonders seine Mutter. Nach der Wende gab es keine Verwendung mehr für sie. Sie wurden nicht mehr gebraucht und entsorgt als Repräsentanten eines Sportsystems, das für Doping stand. Die Kretzschmars arbeiteten in einer Berliner Vereinskneipe. Ein unfassbarer Abstieg, auch in den Augen des Sohnes. Für seine Mutter ein Grund, noch bitterer zu werden. Die Basis ihrer Beziehung zum Sohn war nicht Liebe, sondern Konkurrenz. "Ich durfte nicht erfahren, wie es sich anfühlt, bedingungslos von den Eltern geliebt zu werden", schreibt Kretzschmar. Seinen schwachen Vater verehrt er. Der Liebe der Mutter läuft er mit 35 Jahren immer noch hinterher.

          Stefan Kretzschmar: Anders als erwartet. Eichborn Verlag, 235 Seiten, 16,95 Euro.

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