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: Der Glamour des Kriminellen

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Heute Berlin, morgen Paris: An die Stelle der in Wäldern hausenden Räuberbanden traten reisende Weltmänner, die zuerst ein Casino in Frankreich plünderten und dann eine Bank in Deutschland ausraubten. Der Zusatz "international" verleiht noch jedem Gegenstand eine besondere Aura. So auch im Fall der Kriminalität und ihrer Bekämpfung.

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          Heute Berlin, morgen Paris: An die Stelle der in Wäldern hausenden Räuberbanden traten reisende Weltmänner, die zuerst ein Casino in Frankreich plünderten und dann eine Bank in Deutschland ausraubten. Der Zusatz "international" verleiht noch jedem Gegenstand eine besondere Aura. So auch im Fall der Kriminalität und ihrer Bekämpfung. Die neue Studie von Jens Jäger zeigt, wie diese Ansehenssteigerung bei der internationalen Kriminalität historisch nach zwei Seiten wirkte. Die Akteure umgab stets ein weltläufiger Dunst der Avantgarde - sowohl bei der Internationalisierung der Polizeiarbeit ab 1880 als auch bei der Internationalisierung des Verbrechens. Negative und positive Elite korrespondierten insofern miteinander.

          Jägers Buch belegt überzeugend, dass die ursprünglich national und regional organisierten europäischen Polizeien erfolgreich die Vorstellung einer bedrohlich zunehmenden internationalen Kriminalität nutzten, um sich selbst zu internationalisieren. Allerdings hat Jäger einen dringenden Tatverdacht, und der richtet sich nicht gegen die damaligen Kriminellen, sondern gegen die Polizisten. Denn Jäger mutmaßt, die vielfach beschworene Vorstellung vom internationalen Verbrechen sei für die internationalen Ermittler bloß ein nützlicher Mythos gewesen.

          Dieses Muster klingt für den heutigen Leser ebenso kritisch wie vertraut. Immer noch sind Bedrohungsszenarien umstritten, weil sich aus ihnen regelmäßig Handlungsermächtigungen zur Abwehr ableiten. Was heute internationaler Terrorismus, Russen- oder Vietnamesenmafia und andere Formen von organisierter Kriminalität sind, waren im Deutschen Kaiserreich internationale Eisenbahn- und Hoteldiebe, reisende Geldschrankknacker und polyglotte Hochstapler: Das besonders Böse kommt stets von außen, und es ist schwer zu greifen. Auch vor hundert Jahren befeuerten Pressemeldungen die Phantasie der Bevölkerung und leisteten der Vernetzung und Modernisierung der Polizei Vorschub.

          Jägers Studie hat ihre Vorzüge in der dichten Analyse der damaligen Vorstellungswelt. Das Buch beschreibt die Mutmaßungen und Wahrnehmungen einer zunehmend mobilen Gesellschaft: Kehrseite der Modernisierung von Kommunikations- und Transportmitteln im späten neunzehnten Jahrhundert war die Angst, dass sich auch kriminelle Subjekte diese Techniken zunutze machen könnten. An die Stelle der in Wäldern hausenden vormodernen Räuberbanden traten reisende Weltmänner, die heute ein französisches Casino plünderten, morgen eine Berliner Bank ausraubten und dazwischen im Eisenbahncoupé Passagiere bestahlen. Die brave Gendarmerie musste ihrem Treiben hilflos zusehen.

          Um diesen Tätern kriminalistisch beizukommen, begannen die Polizeien ihre Daten zu standardisieren. Sie halfen einander bei Ermittlungen, Festnahmen und Auslieferungen. Dabei entstand ein Muster internationaler Zusammenarbeit, dessen generalisierbare Züge Jäger zu Recht betont: Die Kooperation war von Insellösungen zwischen Völkerrecht, Verwaltungsrecht und gesellschaftlicher Selbstorganisation gekennzeichnet. Sie stützte sich auf ein Netzwerk internationaler Experten, die teils mit politischer Rückendeckung agierten, teils informell ohne diese kooperierten. In ausgewählten Bereichen (Mädchenhandel, obszöne Publikationen, Opium) wurden sogar deliktspezifische Staatenverträge geschlossen. Hier halfen gemeinsame Moralüberzeugungen zur kulturellen Funktion des Strafrechts, die internationale Gemeinschaft zumindest symbolisch zu fördern.

          Komplizierter wurde es zumeist dann, wenn die Zusammenarbeit die politische Sphäre tangierte. Jäger kann schön das Spannungsverhältnis von tatsächlich funktionierender Verwaltungskooperation in Sachfragen und fragilen diplomatischen Beziehungen herausarbeiten. Daher ist das unpolitische Selbstbild der damaligen Polizeikooperation auch weniger erstaunlich, als man auf den ersten Blick vermuten darf. Auch wenn der Erste Weltkrieg einen empfindlichen Rückschlag bedeutete, so formierten sich doch die europäischen Polizeien langfristig zu einem institutionell und rechtlich gefestigten Netzwerk, wobei die 1923 gegründete Internationale Kriminalpolizeiliche Kommission eine Schlüsselrolle spielte. Nach weiteren Zwischenschritten wurde aus ihr schließlich 1956 die Internationale kriminalpolizeiliche Organisation, kurz: Interpol.

          Aber wie real war der kriminelle Nährboden, auf den sich dieses Feindbild rechtfertigend stützte? Jäger suggeriert seinen Lesern, die internationalen Verbrecher seien nichts mehr als die nützlichen Phantome der Polizei gewesen und letztlich ebenso fiktiv wie der rosarote Panther, jener Film-Diamant, dessen Diebe Clouseau jagt. Doch sein Indizienbeweis ist lückenhaft und lebt von rechtspolitischen Suggestionen. Sie appellieren mehr an die wackere Prämisse, diffusen Kriminalitätsängsten nicht auf den Leim zu gehen, als dass sie den Willen zur Aufklärung im Tatsächlichen beinhalten. Diskursgeschichten sind interessant, aber wie jede Aussagensammlung steigern sie nur die Lust, in die Hauptverhandlung einzutreten, um die Vorwürfe mit Hilfe aller Beweismittel förmlich zu klären.

          MILOS VEC

          Jens Jäger: "Verfolgung durch Verwaltung". Internationales Verbrechen und internationale Polizeikooperation, 1880- 1933. UVK Verlagsgesellschaft, Konstanz 2006. 424 S., br., 44,- [Euro].

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