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: Der gelebte Traum

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NEW YORK, 29. SeptemberNur um die größten Hoffnungen gleich ein wenig zurechtzustutzen: Bob Dylan hat nicht seine Autobiographie geschrieben. Das kann schon heute gesagt werden, auch wenn die Welt erst Ende nächster Woche im ersten Band seiner "Chroniken" blättern darf und sich bis dahin mit ...

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          NEW YORK, 29. September

          Nur um die größten Hoffnungen gleich ein wenig zurechtzustutzen: Bob Dylan hat nicht seine Autobiographie geschrieben. Das kann schon heute gesagt werden, auch wenn die Welt erst Ende nächster Woche im ersten Band seiner "Chroniken" blättern darf und sich bis dahin mit dem Nachrichtenmagazin "Newsweek" begnügen muß, dem der Autor einen kurzen Auszug überlassen und ein seltenes Gespräch gewährt hat. Aber, wie schon daraus zu schließen wäre, wird es dennoch nicht an überraschenden Wendungen, Erklärungen und Beschreibungen fehlen. Statt seine Vita chronologisch auszuleuchten, wirft der dreiundsechzig Jahre alte Dylan Schlaglichter auf diesen oder jenen Lebensabschnitt, auf seine Anfänge in der New Yorker Folkszene von Greenwich Village, auf die Entstehung zweier minder berühmter Alben und den Kampf, den er gegen seine endlos verfluchte Berühmtheit führte.

          Die Sensation dabei ist, daß er jeder poetischen Mystifikation abgeschworen und uns die Wahrheit und nichts als die ungeschminkte Wahrheit vorgelegt haben will. Songs, erzählt er David Gates, seinem Gesprächspartner von "Newsweek", den er in ein Motelzimmer irgendwo im Mittelwesten bestellt hat, könne er mit Symbolismus und Metaphern volltanken: "Wenn du aber so ein Buch schreibst, mußt du die Wahrheit sagen." Die Dylanologen werden die nächsten Monate und Jahre damit beschäftigt sein herauszufinden, ob der Mann, der bislang die Wahrheit in verrätselte, magisch schillernde Kostüme steckte, das nun auch getan hat. Gates scheint jedenfalls nicht daran zu zweifeln, und auch der Vorabdruck, in dem Dylan gegen die Zumutungen des Ruhms, die Bürde des Prophetentums wettert und den ihm aufgedrängten Mantel des Messias, des Retters der Musik und der Welt zum Teufel wünscht, läßt zumindest an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig.

          Mit dem Titel "Chronicles" bekennt er sich aber als wiedergeborener Christ zu seiner sicher nicht nur musikalischen Mission. Das könnte der unvoreingenommene Leser denken und erwiese sich so als einer jener Exegeten, über die Dylan seine jahrzehntelang gesammelte Rage kippt. Er wollte nie, wie sie von ihm verlangten, als "Mundstück" oder "Sprecher" oder gar als "Gewissen seiner Generation" zu dienen haben. "Das kam mir bloß lustig vor", schreibt er. "Ich hatte immer nur Songs gesungen, die total geradlinig waren und starke neue Wirklichkeiten formulierten. Mit einer Generation aber, deren Stimme ich sein sollte, hatte ich sehr wenig gemein, und noch weniger wußte ich von ihr."

          Nach soviel selbstenthüllender Empörung ist kein neues Dylan-Bild fällig - es bestätigt sich vielmehr das alte. Denn wer könnte es dem Künstler übelnehmen, wenn er nicht mit dem Ruf "Nehmt ihn, er gehört euch!" vor die Masse geschubst werden will. Das ändert freilich nichts daran, daß er, ungewollt oder nicht, doch für sie spricht. Dylans Wunsch, nur sich selbst gegenüber Rechenschaft ablegen zu müssen, kollidierte mit der Magie seiner Verse. Da ist weiterhin guter Rat teuer, und auch die "Chroniken", in denen er seine Sehnsucht nach einem stinknormalen Allerweltsleben herausschreit, werden ihm keinen Ausweg aus dem Dilemma bieten.

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