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: Der Frauen Leid

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Vielleicht sind Frauen gar nicht hysterisch. Vielleicht war es Sigmund Freud.Unter den vielen neuen Biographien, die zum Jubiläumsjahr über Sigmund Freud erschienen, ist eine, die man, zumindest als Frau, nicht ohne Gruseln lesen kann: Die Autorin Eva Weissweiler hat sich neben der Familiengeschichte des Therapeuten vor allem für sein Verhältnis zum weiblichen Geschlecht interessiert.

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          Vielleicht sind Frauen gar nicht hysterisch. Vielleicht war es Sigmund Freud.

          Unter den vielen neuen Biographien, die zum Jubiläumsjahr über Sigmund Freud erschienen, ist eine, die man, zumindest als Frau, nicht ohne Gruseln lesen kann: Die Autorin Eva Weissweiler hat sich neben der Familiengeschichte des Therapeuten vor allem für sein Verhältnis zum weiblichen Geschlecht interessiert. Daß das seltsam war, ist bekannt. In dieser Fülle zusammengetragen aber wirken Freuds Ansichten, Analysen und Behandlungsmethoden einfach nur vollkommen verrückt.

          Die Patientin Emma Eckstein, die an Menstruationsbeschwerden leidet, unterzieht er 1895 zusammen mit seinem Freund, dem Hals-, Nasen- und Ohrenarzt Wilhelm Fließ, einer Nasenoperation, an deren Folgen die Frau fast stirbt. Freud, zu dieser Zeit schwer auf Kokain, will seine neueste Theorie beweisen, nach der Nase und Geschlechtsorgane miteinander verbunden sind. Die Frau droht daraufhin zu verbluten, die Wunde will und will nicht heilen. Nach zwei Wochen findet sich schließlich ein halber Meter Gazestoff in ihrer Nase, den die Ärzte dort vergessen hatten. Zuerst hat Freud "herzliches Mitleid" und schämt sich, wie er Fließ in einem Brief schreibt. Ein Jahr später fällt ihm dann zu seiner Entlastung ein, daß Eckstein, die immer noch nicht von ihrer Nasenoperation genesen ist, eine Simulantin sein müsse, die ihre unaufhörliche Blutung selbst produziere, um ihn, Sigmund Freud, an ihr Krankenbett zu locken. Er schreibt an Fließ: "Ich werde dir nachweisen können, daß (. . .) ihre Blutungen hysterische waren, aus Sehnsucht erfolgt sind und wahrscheinlich zu Sexualterminen." Coole Entschuldigung für zwei Ärzte, die einen halben Meter Mullbinde in ihrer Patientin vergessen.

          Ida Bauer war 19 Jahre alt, als sie von ihrem Vater im Herbst 1900 in die Praxis von Sigmund Freud begleitet wird. Sie leidet an Asthma, hat mehrmals versucht, sich das Leben zu nehmen. Als sie 13 war, habe ein Bekannter ihres Vaters sie sexuell belästigt, erzählt sie. Sie sei schreiend weggelaufen. Freud wundert sich sehr: "Anstatt der Genitalsensation, die bei einem gesunden Mädchen unter solchen Umständen gewiß nicht gefehlt hätte, stellte sich bei ihr die Unlustempfindung ein." Er entscheidet, alle Krankheitssymptome seien simuliert, das Asthma lediglich eine Nachahmung des Stöhnens, das die Geliebte von Ida Bauers Vater beim Sex von sich gebe. Denn natürlich ist Ida Bauer, ist jede Frau hysterisch, will in Wahrheit nur mit dem Vater oder besser gleich mit ihrem Arzt Sigmund Freud schlafen. Und man weiß ja, warum Frauen aus der Nase bluten.

          Noch 1933 schreibt Freud, "das Weib" könne zum gesellschaftlichen Fortschritt wenig beitragen, da es von Natur aus unsozial sei, nur eine einzige Kulturtechnik erfunden habe, "die des Flechtens und Webens", und schon mit dreißig, wenn der Mann erst am Anfang stehe, derart in diversen Neurosen erstarrt sei, daß an "Entwicklung" nicht mehr zu denken wäre. Doch, schließt er versöhnlich, "wir behalten im Auge, daß die einzelne Frau auch sonst ein menschliches Wesen sein mag".

          JOHANNA ADORJÁN

          Eva Weissweiler: "Die Freuds - Biographie einer Familie". Kiepenheuer & Witsch, 320 Seiten, 24,90 Euro.

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