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: Der Fluch der Kennedys

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Der Mann hatte rotbraune Haare, die unduldsam in die Höhe standen, und seine Augen blickten blau und widerspenstig ins Nichts, das sich grau vor ihm auftat. Er hatte das Elendsland hinter sich gelassen, in dem eine Million Iren an den Folgen der Hungersnot gestorben waren. Er war gekränkt worden, verletzt, erniedrigt.

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          Der Mann hatte rotbraune Haare, die unduldsam in die Höhe standen, und seine Augen blickten blau und widerspenstig ins Nichts, das sich grau vor ihm auftat. Er hatte das Elendsland hinter sich gelassen, in dem eine Million Iren an den Folgen der Hungersnot gestorben waren. Er war gekränkt worden, verletzt, erniedrigt. Und er war ehrgeizig. Jetzt stand er an Bord der "Washington Irving", neben sich die Frau, die er heiraten würde, und in der Tasche das Stofftuch, das getränkt war im Blut seiner Väter. Es war der 17. April 1849, als ein Matrose rief, es sei Land in Sicht. 150 Jahre später sollte hier, fast genau an dieser Stelle, der letzte der großen Dynastie, die Patrick Kennedy gegründet hatte, mit seinem Flugzeug im Meer versinken.

          Die Geschichte bewegt sich in Kreisen, und weil der Mensch sie nicht versteht, versucht er, in diesen Kreisen einen Sinn zu sehen. Besonders gut darin sind die Amerikaner; vielleicht liegt es daran, daß der amerikanische Raum so weit ist und so leer und offen für Sinn.

          Edward Klein jedenfalls, der für sein Buch "The Kennedy Curse" einen Vorschuß von 500 000 Dollar bekam und damit schon kurz nach Erscheinen auf Platz sechs der Bestsellerliste der "New York Times" liegt, dieser Edward Klein ist definitiv jemand, der sich darauf versteht, die Kreise im Sand der Geschichte aufzuspüren; Kreise, so sagen manche, die er womöglich selbst gelegt hat, um sie dann zu interpretieren.

          Klein, der früher Außenpolitik-Chef von "Newsweek" war und dann lange Jahre Chefredakteur des "New York Times Magazine", ist eine Art postmoderner Fährtensucher, der sehr geschickt mit Worten wie Schuld, Leid und Rache jongliert. Er hat das Wort vom Fluch, der auf den Kennedys liegt, nicht erfunden; aber noch niemand vor ihm hat sich so tief in die Widersprüche dieser Familie hineingegraben wie der, wie er oft genug anmerkt, enge Freund von Jackie Kennedy Onassis. Was er erzählt, ist ein Drama von antikem Ausmaß. Eine amerikanische Tragödie.

          Wobei das nun viel grandioser klingt als das kleine Erdbeben, mit dem Klein sein Buch beginnt. Aber wenn die Amerikaner die Mythologen unserer Tage sind, wenn sie der Demokratie ihre Könige und Königinnen geben, der säkularisierten Welt ihren Götterhimmel und dem Fernsehzeitalter seine Tragödien, dann kann der letzte Akt in der Geschichte vom Aufstieg und Fall des Hauses Kennedy eben damit beginnen, wie ein gutaussehender junger Mann in einem Hotelzimmer sitzt und ins Telefon brüllt: "Mir reicht es! Das muß aufhören. Sonst bleibt uns nur noch die Scheidung."

          Das war am 14. Juli 1999. John F. Kennedy jr. saß im Stanhope Hotel in seiner Suite, für die er 2000 Dollar pro Nacht bezahlte, und erzählte einem Freund, wie seine Ehe mit Carolyn Bessette sauer geworden war. Zwei Tage später waren beide tot. Die letzten Opfer, so Edward Klein, des Fluchs der Kennedys.

          Es sind vor allem die unbekannten Details aus dem Leben von JFKs Sohn, die das Buch in Amerika so kontrovers und so erfolgreich machen. John-John, wie sie ihn gerne nannten, sei zum Zeitpunkt seines Todes beruflich und privat in einer tiefen Krise gewesen. Die Schuld von mindestens vier Generationen auf seinen Schultern; und dann noch eine Frau an seiner Seite, die in hochhackigen Schuhen durch den Sand stakste, zwei Stunden zu spät für ihre eigene Hochzeit.

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