https://www.faz.net/-gr3-o04z

: Der Fluch der Kennedys

  • Aktualisiert am

Überhaupt Carolyn: Carolyn habe Kokain genommen, Carolyn habe ihren Mann mit einem Calvin-Klein-Unterwäschemodel betrogen, Carolyn habe ihren Mann geschlagen, Carolyn habe die Aufmerksamkeit der Medien nicht ausgehalten, Carolyn habe John-Johns Magazin "George" ruiniert, Carolyn habe ihren Mann stundenlang am Flugplatz warten lassen, weil sie sich noch in Manhattan die Nägel lackieren lassen mußte, weshalb die beiden in John-Johns kleinem Flugzeug erst starten konnten, als es schon dunkel war. Eine Pediküre und der Tod des Glamourpaares: Drastischer läßt sich Kleins These nicht formulieren. "Der Fluch der Kennedys", schreibt er, "resultiert aus dem zerstörerischen Zusammenprall der Allmachtsphantasien der Familie mit der kalten, harten Wirklichkeit."

  Für Kennedys, so formuliert Klein die Familienphilosophie, gelten eben andere Regeln als für den Rest der Menschheit. Eigentlich gibt es sogar nur eine Regel: Du mußt gewinnen. Du mußt gewinnen, weil du alles kannst. Weil die Welt dir gehört.

Und so stieg John-John trotz seiner Fußverletzung, seiner mangelnden Erfahrung und des trüben Wetters in sein Flugzeug und forderte die Götter heraus; und wie seine Tante Kathleen und sein Onkel Joseph bezahlte er seinen Fliegerhochmut mit dem Leben. Die eine geriet 1948 mit ihrem Liebhaber Peter Fitzwilliam in einen Gewittersturm, nachdem sie den Zorn ihrer tiefkatholischen Mutter heraufbeschworen hatte, indem sie einen Anglikaner geheiratet hatte; der andere starb 1944, als sein Bomber auf dem Weg zu einer heroischen, selbstmörderischen Geheimmission über England explodierte. Er wollte, das legt Klein nahe, seinen jüngeren Bruder John übertrumpfen, der schon als Kriegsheld gefeiert wurde. Als ihn ein Mechaniker davor warnte zu starten, antwortete Joseph: "Niemand in meiner Familie braucht eine Versicherung."

Der Fluch, der die Kennedys seit 150 Jahren verfolgt, das will Klein zeigen, ist nichts Übersinnliches. Der Fluch der Kennedys reicht in die Familiengeschichte.

Das Schicksal, das sie herausfordern, durch ihren Ehrgeiz, durch ihren Machttrieb, durch ihre Ambition, ist ein weltliches. Es ist das Wesen der amerikanischen Zivilmythologie, das Weltliche im Lichte der Fügung zu sehen. Das tragische Ende des letzten Hoffnungsträgers dieser getriebenen Familie bildet so in doppelter Hinsicht nur die Oberfläche für eine exemplarische Studie von Hybris und Katastrophe, die tief hinabreicht in den Grund des amerikanischen Selbstverständnisses.

Die eine Oberfläche ist das Leben und Sterben von John-John, das beides im Schein der Öffentlichkeit geschah, die fast ein Eigentumsrecht an diesem Menschen reklamieren konnte im Tausch für Macht und Ruhm. Klein treibt diesen postmodernen Faust-Handel noch voran, indem er einige spektakuläre Enthüllungen bietet, für deren zweifelhafte Quellenlage er in Amerika erheblichen Widerspruch erntete. So soll John-John bis zum Ende seines Lebens das Medikament Ritalin genommen haben, das ihm gegen das bei ihm diagnostizierte Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADS) helfen sollte; so soll seine Mutter Jackie ihn nicht nur davon abgehalten haben, sich an der Yale Drama School zu bewerben, um Schauspieler zu werden, was sein größter Wunsch gewesen sei, Jackie sei auch dagegen gewesen, daß er in den Journalismus gehe; und schließlich soll es der Plan des jungen John F. Kennedy gewesen sein, in die Politik zu wechseln, genauer: sich 2002 für den Gouverneurssitz von New York zu bewerben, wo er dann gegen Hillary Clinton hätte antreten müssen. Womit endgültig klargeworden wäre, was für Edward Klein dieser Urfluch der Kennedys ist: der Schatten des Vaters.

Weitere Themen

Nimm das, Hollywood!

Bilanz der Berlinale : Nimm das, Hollywood!

Die Berlinale, die kein Festival war, sondern eine geschlossene Internetveranstaltung, ist zu Ende: Es war eine Woche einsamer Urteile, unsicherer Gefühle – und ausschweifender Filme.

Was wollen die Nomaden Amerikas?

Regisseurin Zhao im Interview : Was wollen die Nomaden Amerikas?

Wird Chloé Zhao die erste Asiatin die einen Oscar für die beste Regie bekommt? Ihr Film „Nomadland“ ist eine Ode an den Überfluss der Natur und die Würde des Einfachen und gilt schon jetzt als großer Favorit für die kommende Preisverleihung. Ein Interview.

Topmeldungen

Bundesliga im Liveticker : Lewandowski gegen Haaland 2:2

Dortmund nimmt die Bayern in den ersten Minuten auseinander. Haaland trifft doppelt. Doch Lewandowski lässt sich nicht lumpen und gleicht im Torjäger-Duell aus. Verfolgen Sie das Spiel im Liveticker.
Vor einem Votum für das Konjunkturpaket applaudiert der amerikanische Senat am Samstag dem Pflegepersonal.

1,9 Billionen Dollar : Senat stimmt Bidens Konjunkturpaket zu

Der Senat hat ein billionenschweres Hilfspaket zur Bewältigung der Corona-Krise verabschiedet. Bevor der Präsident das Gesetz unterzeichnen kann, muss sich das Repräsentantenhaus noch einmal damit befassen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.