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: Der ferne Spiegel der Gegenwart

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Angesichts des glänzenden Untergangs Venedigs, wie ihn Ekkehard Eickhoffs eindringlich schildert, stellt sich die Frage, ob wir nicht derzeit Zeugen eines politischen Untergangs auf höchstem kulturellem Niveau sind. Die letzten hundert Jahre der Republik Venedig vor ihrer Aufhebung durch Napoleon im Jahr 1797 waren eine Zeit des Niedergangs.

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          Angesichts des glänzenden Untergangs Venedigs, wie ihn Ekkehard Eickhoffs eindringlich schildert, stellt sich die Frage, ob wir nicht derzeit Zeugen eines politischen Untergangs auf höchstem kulturellem Niveau sind. Die letzten hundert Jahre der Republik Venedig vor ihrer Aufhebung durch Napoleon im Jahr 1797 waren eine Zeit des Niedergangs. Die Serenissima - eine geschminkte, alte Kokotte, die den Glanz vergangener Tage nicht einmal mehr vorzutäuschen vermochte. Der Ruhm des einstigen Seereiches - zu besichtigen in den halb verfallenen Docks des Arsenals. Die freie Adelsrepublik - zur Tyrannei verkommen in der Hand des sinistren Geheimgerichts "Consiglio dei Dieci", dessen Sbirren jede Opposition mitleidlos in den schwarzen Tiefen der Kanäle ertränkten. Angesichts von jährlich fünfzehn Millionen Besuchern, die sich heute am überkommenen Stadtbild des achtzehnten Jahrhunderts weiden, angesichts von globalen Kulturgrößen wie Goldoni, Tiepolo, Canova, Vivaldi, Casanova wirkt das letzte Jahrhundert der Serenissima allerdings überaus krekel. Einen Nieder- und Untergang auf solchem Niveau kennt keine andere Kultur.

          Dieses Bild, das fast jedes Geschichtsbuch abschreibt, ist falsch, geprägt von antivenezianischer Propaganda der Jesuiten und konkurrierender Großmächte, die - Österreich und Frankreich voran - daran interessiert waren, ein dekadentes Bild der Adelsrepublik zu zeichnen und damit die eigenen Verbrechen bei der Ausplünderung und Unterjochung Venetiens zu rechtfertigen. Ekkehard Eickhoff durchschaut als Historiker und einstiger Karrierediplomat solch perfide Mythenbildung nur zu gut und legt eine großartige Rehabilitation der glorreichen Endzeit Venedigs vor: "Spätes Feuerwerk" ist nicht nur ein schöner Titel, sondern sollte fortan das Schlagwort vom "Niedergang Venedigs" ersetzen.

          Eickhoffs Indizien und Argumente sind erdrückend. Auf der einen Seite schildert er Venedig als intellektuelle Metropole, die mit ihren Salons und Cafés, Verlagen und schrägen Erziehungsanstalten Resteuropa über die Welt auf dem laufenden hielt und eine luzide Intelligenz vorlebte. Die prickelndsten und von tiefer Bewunderung geprägten Seiten schildern die Theaterwettkämpfe zwischen dem zynischen Genremaler Carlo Goldoni und dem märchenhaften Idealisten Carlo Gozzi, schildern die täglich druckfrischen Polemiken um den Spitzenbeamten Pierantonio Grattarol, der sich mit seiner Leidenschaft für die Primadonna Teodora Ricci und seiner Eitelkeit gegenüber Satiren in den gesellschaftlichen und ökonomischen Ruin manövrierte.

          Wenig genug weiß man heute - trotz Casanova und den schneidenen Opernlibretti Lorenzo Da Pontes - vom geistigen Niveau anarchischer Köpfe im Rokoko-Venedig, vom aufrührerischen Franziskanerpater Carlo Lodoli oder dem spritzigen Aufklärer Francesco Algarotti, der Newton fürs Volk übersetzte und zum Freund Friedrichs II. von Preußen wurde. Auch gab es um 1750 in Venedig eine Nonsensakademie der Granelleschi (zu deutsch etwa: Hodenclub), die einen armen Tropf auf einem Eimer als Präsidenten vorsitzen ließ und die irrwitzigen "Akten der Akademie" als lose Blätter zur Belustigung der Mitbürger verteilte.

          Doch sosehr Eickhoff auch Spötter und Pornographen wie den unvergleichlichen Gossenpoet Giorgio Baffo hochleben läßt - er verfällt nicht dem Irrtum, die souveränen Akte eines funkelnden Geisteslebens, an dem sich andere Nationen nährten, als Symptome kulturellen Verfalls zu deuten. Während die Patrizier nach dem Verlust zahlreicher Besitzungen in der Ägäis und auf dem Balkan ihre Stadt zur ersten Metropole des Tourismus umbauten, während die Vergnügungsindustrie mit Hotels und Spielhallen, Bordellen und Museen, Opern und Zeitungsredaktionen reichlich fremdes Geld in die darbenden Staatskassen spülte, war die alte Kriegermentalität der aristokratischen Elite noch lebendig.

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