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: Der entscheidende Mangel an Mitgefühl

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Fernsehmorde geschehen tagtäglich auf allen Kanälen, reale Morde sind hierzulande glücklicherweise selten: Deutschland verzeichnet eine "Homizidrate von knapp über ein Hundertstel Promille", hat die österreichische Journalistin Dorothea Frank ausgerechnet, das sind etwa 900 bis 1000 Fälle im Jahr ...

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          Fernsehmorde geschehen tagtäglich auf allen Kanälen, reale Morde sind hierzulande glücklicherweise selten: Deutschland verzeichnet eine "Homizidrate von knapp über ein Hundertstel Promille", hat die österreichische Journalistin Dorothea Frank ausgerechnet, das sind etwa 900 bis 1000 Fälle im Jahr - die Zahl der Verkehrstoten ist fünfmal so hoch, die der Selbstmorde zehnmal.

          Frank hat sich zum Ziel gesetzt, die Tabus zu überwinden, mit denen das Sprechen vom Töten belegt sei wie das Sprechen vom Tod. Nicht, um zu verharmlosen oder zu entschuldigen, sondern um ein Stück weit zu verstehen. Dazu hat sie mit Tätern und Opfern gesprochen, nicht mit Serienkillern und Topterroristen, sondern mit "gewöhnlichen" Mördern, die aus Eifersucht, wegen Spielschulden oder im Zuge eines Raubüberfalls Menschen ermordet haben, außerdem mit einem Staatsanwalt, der die Todesstrafe einfordert, mit einem Anwalt, der Todeskandidaten verteidigt, mit professionellen Henkern, mit Soldaten, einem Kriegsverbrecher und einem IRA-Mitglied.

          Töten, konstatiert Frank, ist vielfältig und nicht immer gleich Mord. Die staatlich verhängte Todesstrafe etwa und das Töten im Krieg sind gesellschaftlich mehr oder weniger legitimiert. Die Autorin sucht nach dem Gemeinsamen, das diese ganz unterschiedlichen Fälle verbindet.

          Die Geschichten und Lebensgeschichten, die sie wiedergibt, sind zum Teil von erschreckender Banalität und werden nur aus der von einem Täter selbst beschriebenen extremen Verengung der Perspektive vor der Tat erklärbar. Situationen, die mit einem Telefongespräch hätten geklärt werden können, enden mit einem Mord, weil der Täter "keinen Ausweg mehr sah". Andere hingegen, wie die Schilderungen eines verurteilten Kriegsverbrechers, sind kaum zu ertragen. Die Autorin hat dankenswerterweise mit viel Gespür kritisch-wertende Kommentare eingefügt und hält sich und den Leser auf diese Weise auf Distanz zum Selbstmitleid der Täter, denen die verkorkste eigenen Biographie mehr zu schaffen macht als das Schicksal ihrer Opfer.

          Eine eigene Kategorie bilden die Berichte der professionellen Henker. In Ermangelung aktuellen Materials hat Frank Aufzeichnungen vom letzten Henker im französisch besetzten Algerien und dem Henker der Nürnberger Prozesse ausgegraben. Der eine macht seinen Job des Geldes wegen, abgebrüht plaudert er von den Problemen, die abgeschlagenen Köpfe den richtigen Leibern zuzuordnen. Der andere zeigt sich als Sadist: "Ich hatte Spaß an dem, was ich tat." Ein Staatsanwalt aus dem amerikanischen Bundesstaat Virginia erklärt die Todeskandidaten zu "einer anderen Art von Tier" und behauptet, er wäre "glücklich", sie gleich selbst hinrichten zu dürfen.

          Doch Menschen morden nicht "einfach so". Bei manchen der Interviewpartner Franks konstatierten die Ärzte Persönlichkeitsstörungen, Gefühlsabspaltungen, Gewaltphantasien, Selbstbestätigungsstreben, bei vielen auch die berühmte "schlechte Kindheit". Manchmal ist es gezielte Instrumentalisierung durch Befehlshaber, die das Tötungsverbot außer Kraft setzt und dem Täter die Möglichkeit gibt, die Verantwortung abzuschieben - wenn auch nicht unbedingt besonders effektiv: Nur 25 Prozent der Frontsoldaten im Zweiten Weltkrieg sollen tatsächlich auf Feinde gefeuert haben. Auch Völkermord wie in Ruanda ist, so Frank, keine Eruption des Volkszorns, sondern eine geplante und gezielt angestachelte Aktion.

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