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: Der einsame Ritter der langen Erinnerung

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In seinen "Confessiones" hat Augustin gezeigt, daß die "Zeit nur in der Seele" sei. Karl Heinz Bohrer knüpft in sechs Vorlesungen über moderne Zeitkonzepte an den nordafrikanischen Kirchenvater an, um die Individualität je eigenen Zeiterlebens zu betonen. Sein Programm geschichtlicher Erinnerung lebt vom pathetisch dramatisierten Gegensatz zum "Gedächtnis"-Kult der Kulturwissenschaftler.

          In seinen "Confessiones" hat Augustin gezeigt, daß die "Zeit nur in der Seele" sei. Karl Heinz Bohrer knüpft in sechs Vorlesungen über moderne Zeitkonzepte an den nordafrikanischen Kirchenvater an, um die Individualität je eigenen Zeiterlebens zu betonen. Sein Programm geschichtlicher Erinnerung lebt vom pathetisch dramatisierten Gegensatz zum "Gedächtnis"-Kult der Kulturwissenschaftler. Der kämpferische Geistesaristokrat will den halbgebildeten Kleinbürgern unter Deutschlands Historikern zeigen, wie die Geschichte der Nation eigentlich zu schreiben sei.

          In scharfem Tone bezichtigt Bohrer die Gralshüter aufklärerischer Universalität, uns nationale Identität zu rauben. Er empfiehlt sich als der Therapeut, der die Deutschen durch Arbeit am Begriff der historischen Zeit von kollektiver Amnesie befreit. Auch feiert er den unbedingten Augenblick und rät zu einem posthistoristisch ästhetischen Verständnis der Geisteswissenschaften. Neues kann man nicht lesen. Wer Bohrers Arbeiten über "Das absolute Präsens", "Theorie der Trauer" und "Ästhetische Negativität" kennt, erleidet den Temporalmodus einer Langeweile, die sich bei Wiederlektüre von Altbekanntem einstellt. Hat es da ein Verlag allzu gut mit einem seiner altgedienten Autoren gemeint?

          Gern kämpft Bohrer in den Schlachtordnungen von vorgestern. Man muß viel kulturpessimistisches Geraune über eine "kleinbürgerliche Medien- und Massenkultur" ertragen. In der ersten Vorlesung zieht der Intellektuelle gegen gesellschaftsstrukturalistische Historiker wie Hans-Ulrich Wehler und Hans Mommsen sowie ihren soziologischen Ratgeber M. Rainer Lepsius zu Felde. Zugleich führt er seinen Stellungskrieg gegen Karl Otto Apel und Jürgen Habermas fort. Die "gesellschaftskritische Intelligenz" habe die Deutschen geisteskrank gemacht. Das normale, gesunde "Fernverhältnis" zur Geschichte, das auch im fernen, fremden germanischen Mittelalter Eigenes entdeckt und durch die Rekonstruktion des "kulturellen Zusammenhangs" deutsche Identität stiftet, sei durch die "Emphatisierung einer historischen Nahbeziehung" abgelöst worden. Moralisierende "Geschichtspolitik" habe die deutsche Geschichte auf den Nationalsozialismus reduziert und Auschwitz zum einzig legitimen Erinnerungsort erhoben.

          Deutsche Geschichte sei zur bloßen Vorgeschichte von 1933 mediatisiert und die Nation ihres geschichtlich gewachsenen Selbstbewußtseins beraubt worden. Bohrer beschreibt die "hochgradig ideologische Geschichtspädagogik" der Bielefelder Schule als vorsätzliche Gedächtniszerstörung: "Deutsche Geschichte wird, indem sie als Vorgeschichte funktionalisiert ist, gleichzeitig zur Nichtgeschichte annihiliert." In die "neurotisch wirren Zonen" des geschichtslosen Gedächtnisses seien dann Wahngebilde wie die "Europa-Utopie" und der "Verfassungspatriotismus" eingewandert. Ein integriertes Europa sei nur "wishful thinking aus dem Geiste des naiven Universalismus" von Frankfurter "abstrakten Moralisten".

          Gegen Apel und Habermas insistiert Bohrer auf der Geschichtlichkeit der Vernunft. Er will transzendentale Reflexion auf eine Vernunft überhaupt lebensweltlich individualisieren, so daß der Geist sich in seiner Differenz zum Westen erneut als rein deutscher Geist erfaßt. Friedrich Schlegels "Entdeckung von Kontingenz" dient zum historiographischen Appell, die "lange, oft düstere, immer interessante, ja beeindruckende Geschichte der Deutschen" ohne "normative Kontrolle" zu "erinnern". Bohrers Nationalgeschichte soll wieder "affektive kollektive Besetzung" erlauben. Gegen das "Verschwinden jeder emotionellen Beziehung zur eigenen historischen Vergangenheit" klagt er starke patriotische Gefühle ein.

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