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Günther Rühle und das Theater : Die Leidenschaft ist aufgebraucht, es war die beste Zeit

Margarita Broich, Dagmar Manzel, Jörg Gudzuhn (von links) und Ulrich Mühe (hinten) in Heiner Müllers „Hamlet“-Doppelprojekt vom März 1990 Bild: Ullstein

Ein Fragment von achthundert Seiten, postum erschienen: Der dritte Band von Günther Rühles „Theater in Deutschland“ gilt den Jahren 1967 bis 1995.

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          Theaterkritik ist die Kunst deutender Vergegenwärtigung eines in der Vergangenheit liegenden Bühnengeschehens. In diesem Sinne ist die scheinbar so aktualitätshörige Tageskritik Teil einer fortlaufenden Theatergeschichte – auch da, wo sie selbst sich nicht so versteht. Niemand hat dies so deutlich gezeigt und so fruchtbar zu machen gewusst wie Günther Rühle. Dass in den Inszenierungen, die er sah, die Gegenwart, in der er lebte, zu spüren sein müsse, war die Forderung, die er erhob. Und es war die Hoffnung, die er hegte. Von einem Theater oh­ne Zeitbezug, einer Theatergeschichte oh­ne Zeitgeschichte versprach er sich nicht allzu viel. Dass das Theater, je länger Rühle lebte, ihm immer weniger über diejenigen erzählte, für die es gespielt wurde, und immer mehr von denjenigen, die es machten, hätte ihn vermutlich noch mehr ge­schmerzt, wenn er nicht in einem existenziellen Sinn an das Theater geglaubt hätte. Rankes Satz, dass die Geschichte den Menschen zum Gegenstand habe, hat er, der sich weder als Historiker noch als Theaterwissenschaftler verstand, auf das Theater angewendet.

          Hubert Spiegel
          Redakteur im Feuilleton.

          Westberlin, Januar 1970. Der Regisseur Peter Palitzsch, der neun Jahre zuvor aus der DDR in den Westen gegangen war, fasst vier von Shakespeares Königsdramen zu einem Projekt zusammen, das er „Der Krieg der Rosen“ nannte. Es geht blutig zu: Söhne erschlagen ihre Väter, Väter tö­ten ihre Söhne, der König hockt erschöpft zwischen Leichen auf einem Schlachtfeld. „Dies alles“, so Günther Rühle im dritten Band von „Theater in Deutschland“, seiner monumentalen Darstellung des Theaters zwischen 1887 und 1995, „bei hellstem Licht, vor weißen Wänden, ausgestellt un­ter einem großen Fries von Skeletten und Schädeln über der Bühne, auf die verbrannte Balken zerstörter Häuser herabhingen wie Geschosse aus dem gemor­deten Himmel. Gespielt von Schauspielern in der zeigenden Brecht’schen Spielweise. Schneller, oft filmschnitthafter Wechsel der Szenen (Wilfried Minks baute ein System von Schiebewänden). Es herrschte bannende Distanz. Zweimal drei Stunden. Am Ende Ovationen, ,ein Ereignis‘. – So begann das Jahr, in dem der Krieg in Vietnam auch in Europa erlebbar wurde.“ Und so packend, so unmittelbar liest es sich, wenn Günther Rühle vergegenwärtigende Beschreibung und Zeitgeschichte miteinander verschränkt.

          Für den ersten, 2007 erschienenen Band seiner monumentalen Darstellung, der 1887 einsetzt, hat Rühle aus dem Abstand von Jahrzehnten die Kritikerkollegen früherer Theaterepochen als Quelle in die Pflicht genommen, um beschreiben und vergegenwärtigen zu können, was er selbst weder auf der Bühne noch als Aufzeichnung sehen konnte. Auch für große Teile des zweiten Bandes, der die Jahre von 1945 bis 1966 umfasst und 2014 erschienen ist, gilt diese Einschränkung noch. Der dritte, jetzt posthum erschienene Band, nimmt die Jahre von 1967 bis 1995 in den Blick. Rühle hat fast bis zu seinem Lebensende daran gearbeitet, bevor er das Augenlicht verlor. Da war die Arbeit, die er nun in andere Hände legen musste, zwar schon weit fortgeschritten und um­fasste mehr als siebenhundert Seiten, aber auch die durchgesehene und an etlichen Stellen ergänzte Fassung, die Hermann Beil und Stephan Dörschel jetzt heraus­gegeben haben, ist noch Fragment geblieben. Im September 2020 schickte der Autor seinen Herausgebern das Manuskript, am 10. Dezember 2021 starb Günther Rühle im Alter von 97 Jahren. Drei Monate zuvor war noch ein letztes Werk erschienen: ein Lebens- und Abschiedsbuch mit dem Titel „Ein alter Mann wird älter“.

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