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: Der deutsche Gruß

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Mit der vielfältigen Renaissance der Kulturgeschichte ist das Interesse an den symbolischen Formen der Politik und des gesellschaftlichen Umgangs gewachsen. Ein ganzer Buchmarkt lebt davon. Auf dieser Linie bewegt sich auch die schlanke Abhandlung des Frankfurter Soziologen Tilman Allert, der den "deutschen ...

          Mit der vielfältigen Renaissance der Kulturgeschichte ist das Interesse an den symbolischen Formen der Politik und des gesellschaftlichen Umgangs gewachsen. Ein ganzer Buchmarkt lebt davon. Auf dieser Linie bewegt sich auch die schlanke Abhandlung des Frankfurter Soziologen Tilman Allert, der den "deutschen Gruß", das "Heil Hitler", in seinen unterschiedlichen Aspekten in einer mustergültigen Studie, einem wahren Juwel von konzisem Essay, zum ersten Mal eindringlich analysiert. Man kann sich nur wundern, daß dieses gelungene Buch über eine derart zentrale Geste erst jetzt das Licht der Welt erblickt.

          Allert bettet die "unheilvolle Geste" in weitläufige anthropologische Überlegungen ein, durchweg überzeugend und erhellend. Aber der Kern seiner Argumentation ist doch der geglückte Nachweis, daß dieser Gruß ein nicht zu unterschätzendes Element der charismatischen Herrschaft Hitlers verkörperte. Damit schließt sich der Verfasser einer Interpretation der Führerdiktatur an, die nicht nur Ian Kershaw in seiner voluminösen Hitler-Biographie zugrunde gelegt, sondern für die auch Rainer Lepsius in berühmten Aufsätzen, die eine ganze Bibliothek an Literatur zur deutschen Zeitgeschichte ersetzen, seit längerem plädiert hat.

          Zugegeben, der deutsche Gruß war an der Oberfläche primär ein "Loyalitätsbeweis", ein "Seismograph für die Regimezustimmung", ein "Zugehörigkeitsausweis". Aber das "Heil" sakralisierte auch die irdische Person Hitlers, schrieb ihm eine quasi "göttliche Qualifikation" zu und trug damit zu einer "Sakralisierung der weltlichen Ordnung" des "Dritten Reiches" bei. Der im deutschen Gruß versteckte "Schwur" verpflichtete auf eine bedingungslose Treue, und Hitler als Charismaträger bestätigte diese Treue als authentische Bereitschaft. Insofern diente der Gruß dazu, die "einzigartige" Natur charismatischer Herrschaft als einer "revolutionären Macht" (Max Weber), zugleich die "Zugehörigkeit zu einer charismatischen Gemeinschaft" sichtbar-bekennerhaft zu unterstreichen und die "Charismatisierung" von Politik und Gesellschaft im Zeichen des von Millionen Deutschen ersehnten Messias voranzutreiben. In der "stilistischen Altertümlichkeit" des Grußes mit ausgestrecktem rechten Arm und offener Hand steckte mithin auch "das radikal Moderne der nationalsozialistischen Ordnung": die Modernität der tagtäglichen, milliardenfachen Einschwörung auf den charismatischen Führer.

          Diese Argumentation wird ohne jeden menschenfeindlichen Jargon, vielmehr in souveränem Stil, begriffssicher und kenntnisreich vorgetragen. Ihr gelingt in geradezu asketisch gemeißelter Präzision, doch ohne jede Verkürzung, die Verwirklichung ihrer Intention, "die innere Aneignung eines charismatischen Versprechens zu entschlüsseln". Darüber hinaus ist sie ein gelungener Beweis dafür, daß auch in Deutschland eine Historische Soziologie mehr zum Verständnis des geschichtlichen Prozesses beitragen kann als die quantifizierenden, im Grunde ja ohne leitenden Begriff agierenden Fliegenbeinzähler oder die zeitgeistverrannten Apostel endloser Individualisierung und Pluralisierung, die inzwischen nur noch von den Funktionsträgern der Werbewirtschaft als Offenbarungsträger gefeiert werden.

          Tilman Allert: "Der deutsche Gruß". Geschichte einer unheilvollen Geste. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2005. 160 S., Abb., geb., 16,90 [Euro].

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