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: Der Dandy im Kochtopf

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Das ist kein appetitlicher Anfang für einen Artikel über den deutschen Weltreisenden Otto Ehlers, entspricht aber dem Forschungsstand: Otto Ehlers, ein reicher Sohn, der sich jahrelang über die Kontinente hatte treiben lassen und aus Indochina, Indien und Korea populäre Reportagen schrieb, wurde ...

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          Das ist kein appetitlicher Anfang für einen Artikel über den deutschen Weltreisenden Otto Ehlers, entspricht aber dem Forschungsstand: Otto Ehlers, ein reicher Sohn, der sich jahrelang über die Kontinente hatte treiben lassen und aus Indochina, Indien und Korea populäre Reportagen schrieb, wurde beim Versuch, erstmals Neuguinea von Nord nach Süd zu durchqueren, im Oktober 1895 von seinen melanesischen Trägern aufgegessen. Ein Fall von Hungerkannibalismus, die Expedition war ohne Proviant im Dauerregen steckengeblieben: Davon gehen die Historiker heute aus. Was hatte diesen imperialen Dandy, der gern mit Kapitänen der kaiserlichen Marine speiste, am besten mit Blick auf eine Palmenbucht, was hatte den rastlosen Otto Ehlers aus Pommern in diese Lage gebracht?

          Anderthalb Jahre zuvor war er in die Südsee aufgebrochen. Einer Eingebung folgend, die Ehlers selbst wohl "Grille" genannt hätte, hatte er auf Ceylon ein Schiff bestiegen und war nach Samoa gereist. Die Inseln wurden seit 1879 von Amerikanern, Engländern und Deutschen zugleich verwaltet. Ehlers hatte jedoch bei der Zeitungslektüre am Frühstückstisch in Colombo den Eindruck gewonnen, dass in der neutralen Hafenstadt Apia das Hissen der deutschen Fahne in der Luft lag. Das wollte er keinesfalls verpassen, also packte er fünfzehn Koffer und löste ein Billett: Über Sydney, Melbourne und Auckland erreichte er die "Perle der Südsee". So lautete der Untertitel seines Buchs, das im Oktober 1895 ein großer Erfolg wurde. Da war Otto Ehlers schon tot. Ermordet am großen Fluss, mit vierzig Jahren, irgendwo im Bergland des Finisterre-Gebirges, am Ende der Welt also. Samoa aber, wie Ehlers es sah, lag jenseits davon: Es war das Paradies. "Man kann sich", schreibt er, als er auf den Sameaberg steigt, "kaum ein idyllischeres Plätzchen denken als das hoch oben, weit ab von allem Weltgetriebe gelegene, von blütenbedeckten, halb verwilderten Rosenbüschen und in der Seebrise leise hin und her sich wiegenden Palmen umgebene Stationshäuschen, von dessen Veranda aus man über ein Meer von Palmen hinweg auf die perlmuttergleich im Morgenlichte schillernde Südsee hinabblickt."

          Ohne die Formel von der "Perle der Südsee" kommt bis heute kaum eine Reportage über Samoa aus. Wer dieses Buch über hundert Jahre später liest, begegnet einer Insel, deren Landschaft noch weitgehend unbeschrieben ist: Otto Ehlers kann sich die Bilder aussuchen, jedes wirkt neu, das ist der Reiz der Lektüre. Und so hat er auch das "perlmuttergleiche" Bild geprägt, das sich das Kaiserreich von seiner Kolonie machte.

          Doch bei allem Palmenwind: Das Buch ist nach zwei Weltkriegen, nach imperialem Großmachtdrang und verbrecherischer Expansionsgier kein reines Fernwehvergnügen mehr. Wenn Ehlers, ein Kind seiner Zeit natürlich, von Aborigines als "mordsgarstigen Eingeborenen" spricht und von deutschen Auswanderinnen in Sydney als "entarteten Weibern", weil sie englisch miteinander reden, löst das kalte Schauer aus. Wie Ehlers' Buch zudem politisch eingespannt wurde, schildert das Nachwort der Neuauflage, die jetzt im Lilienfeld-Verlag erscheint: Als der Reichstag 1902 über Finanzmittel für die Südseekolonien debattierte, berief sich Wilhelm Solf, der Gouverneur von Samoa, auf die Losung von der "Perle der Südsee". Im Saal wurde gelacht, die Gelder wurden bewilligt, doch das Kaiserreich, so kommentiert der Bamberger Historiker Hermann Joseph Hiery, war längst "kolonialskeptisch" geworden. Die Kolonien galten als Luxus für bessere Zeiten und regten die Imagination nicht an. Aus dieser Ära, so Hiery, "gibt es keinen einzigen erfolgreichen deutschen Roman, der in einer Kolonie spielte".

          Mit bebendem Busen hört Otto Ehlers, wie auf einem Kriegsschiff in der Bucht von Apia "die Klänge der herrlichen ,Wacht am Rhein'" erklingen. Das ist die eine Seite dieses ewigen Korpsstudenten. Die andere ist sein Freigeist: Ehlers verspottet das missionarische Spießertum auf Samoa als "Kultur, die alle Welt beleckt", und zwar mit Maiglöckchenparfüm, Kuckucksuhr und gestärkten Hemden. Das ist nicht der Kasinoton, den Fontane gleichzeitig seinen preußischen Männern angedichtet hat und in dem Konventionen zum Panzer ausgehärtet sind. Dieser Ehlers ist ein Nichtsnutz und genießt es: "Ungefähr vierzehn Tage verbrachte ich schreibend, lesend oder in dem dolcesten far niente auf dem Sameaberge." Das "dolceste far niente": Wenn Neuseeland deutsche Kolonie wäre, träumt er einmal, dann würde auf dem Mount Eden wenigstens ein Wirtshaus stehen.

          "Leider befand sich Herr Ehlers während der Drucklegung in Länderstrichen, welche der Wohltat einer Postverbindung noch nicht teilhaftig geworden sind", heißt es im historischen Vorwort. Die Fahnen seines Buches hat er nie gesehen, und auch nicht die schwarzweißrote Flagge über Apia. Herr Ehlers war längst zum nächsten Sehnsuchtsort unterwegs: Neuguinea. Etwas später ist er dann aufgegessen worden.

          TOBIAS RÜTHER

          Otto E. Ehlers: "Samoa. Perle der Südsee". Lilienfeld-Verlag, 188 Seiten, 19,90 Euro

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