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: Der böse Hirte

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Susanne Schädlich, geboren 1965, ist die Tochter des Schriftstellers Hans Joachim Schädlich. Wie er arbeitet sie auf dem Gebiet der Literatur, als Autorin und Übersetzerin. Den Bekanntheitsgrad des Vaters erreichte sie bisher nicht und wird ihn wohl auch nicht erreichen, was nicht zuletzt daran liegt, ...

          Susanne Schädlich, geboren 1965, ist die Tochter des Schriftstellers Hans Joachim Schädlich. Wie er arbeitet sie auf dem Gebiet der Literatur, als Autorin und Übersetzerin. Den Bekanntheitsgrad des Vaters erreichte sie bisher nicht und wird ihn wohl auch nicht erreichen, was nicht zuletzt daran liegt, dass er ihr in erzählerischer Kunstfertigkeit und Sprachbeherrschung erheblich überlegen ist. Doch über Geschichten, die zu erzählen sich lohnt, verfügt sie durchaus. Dies beweist sie in ihrem Erinnerungsbuch "Immer wieder Dezember".

          Der Untertitel gibt den ersten Einblick in die Geschichte, die uns hier erwartet: "Der Westen, die Stasi, der Onkel und ich". Natürlich, die Familie Schädlich stammt aus dem deutschen Osten, und wer von der Tochter Susanne bislang noch nichts wusste, der hat gewiss schon vom Vater und von dessen Schicksal gehört. Hans Joachim Schädlich war einer der widerborstigen Schriftsteller, mit denen das DDR-Regime nicht zurechtkam. Zu Ulbrichts Zeiten wurden solche Leute ins Zuchthaus geschickt, unter Honecker geschunden, indem man sie ihrer bürgerlichen Rechte beraubte - oder in den Westen abschob.

          Das fand vor allem in den späten siebziger Jahren statt, nachdem viele DDR-Schriftsteller gegen den hinterhältigen Hinauswurf Wolf Biermanns 1976 opponiert hatten. Auch Schädlich zählte zu den Unterzeichnern des Biermann-Protests. Zudem veröffentlichte er im Jahr 1977 den Erzählungsband "Versuchte Nähe", in dem er die Begegnung von Mensch und Herrschaftsstaat abseits aller diktatorischen Trompetentöne ausleuchtete. Eine seiner Figuren sagt darin: "Das ist ja der Poeten Amt, ... dass sie das Üble mit Bitterkeit verfolgen." Natürlich konnte ein solches Buch in keinem DDR-Verlag erscheinen; der Autor überließ es dem westdeutschen Rowohlt Verlag.

          Das war ihm selbstverständlich nicht erlaubt, und so geriet er, wie viele seiner Kollegen aus gleichem Grund, in das Kreuzfeuer staatlicher Schikanen, bis er es nicht mehr aushielt. Hans Joachim Schädlich stellte einen Ausreiseantrag, der zunächst abgelehnt, dann aber doch genehmigt wurde. Im Dezember 1977 verließ die Familie die DDR, und hier setzt der Bericht der Tochter ein. Susanne Schädlich zählt zu jener Zeit zwölf Jahre, ein Alter, in dem man zwar auf Unbekanntes neugierig sein kann, aber auch leidet, wenn man vertraute Umgebungen aufgeben muss und seine Freunde verliert. Soweit die Erzählung der Autorin das eigene Dasein betrifft, erleben wir mit ihr den Schock der Fremde, den schmerzenden Mangel an Beständigkeit. Dauernd droht die Auflösung der Familie, weil Vater und Mutter auch örtlich entlegene Chancen wahrnehmen müssen, um Geld zu verdienen und Susanne und ihre kleine Schwester zu versorgen. Weil sie nicht, wie früher, zu Hause Gemeinschaft pflegen können. Und tatsächlich zerbricht schließlich die Ehe der Eltern.

          Dies alles wird uns erzählt, doch keineswegs geklagt. Susanne Schädlich konstatiert die aus der politischen Situation resultierenden Belastungen, doch sie jammert nie. Sie nimmt uns mit auf ihrem schwierigen Weg durch vielerlei Schulen in verschiedenen Wohnorten, schließlich, als sie eine junge Erwachsene ist, mit in die Vereinigten Staaten, wo sie sich elf Jahre lang in mannigfachen Tätigkeiten ausprobierte. 1999 kehrte sie heim. Da gab es seit einem Jahrzehnt die Mauer nicht mehr, Deutschland war wieder vereinigt, die finsteren Kräfte der DDR-Herrschaft hatten ausgespielt, ihre Unterlagen waren nicht länger geheim, jeder konnte sie lesen. Susanne Schädlich ging zur Gauck-Behörde und nahm Einblick in die Stasi-Berichte, die in Sachen ihrer Familie, vor allem ihres Vaters, gefertigt wurden.

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