https://www.faz.net/-gr3-ri2s

: Der ausgestopfte Afrikaner

  • Aktualisiert am

Vor einigen Jahren wurden in Botswana die Überreste einer Person beerdigt, die unter dem Namen "El Negro" über viele Jahrzehnte an verschiedenen Orten Europas als Ausstellungsstück diente. El Negro war eine der Attraktionen der Weltausstellung in Barcelona 1888, seinerzeit angepriesen als "das einzigartige Präparat eines Kaffers aus dem südlichen Afrika".

          2 Min.

          Vor einigen Jahren wurden in Botswana die Überreste einer Person beerdigt, die unter dem Namen "El Negro" über viele Jahrzehnte an verschiedenen Orten Europas als Ausstellungsstück diente. El Negro war eine der Attraktionen der Weltausstellung in Barcelona 1888, seinerzeit angepriesen als "das einzigartige Präparat eines Kaffers aus dem südlichen Afrika". Zuletzt stand der ausgestopfte Mensch, ein namenloser Afrikaner auf einen Sockel genagelt, wenig beachtet im Museum für Naturgeschichte im spanischen Banyoles. Der in diesem Ort lebende, aus Haiti stammende Arzt Alphonse Arcelin empfand dieses Ausstellungsobjekt als Skandal und als rassistisch. Er lancierte eine Kampagne, schaltete Jesse Jackson, Kofi Annan, ja den Papst ein und hatte Erfolg: El Negro wurde aus dem Museum entfernt und nach Afrika geflogen. Vorher zogen ihm Mitarbeiter des Madrider Museums für Anthropologie noch die Haut ab. Sie blieb in Spanien.

          Vor über zwei Jahrzehnten stieß der Entwicklungshelfer und Journalist Frank Westerman, damals Student, bei einer Tramptour durch Spanien auf das seltsame Exponat im Museum der katalanischen Kleinstadt. Seither ließ ihn das Schicksal El Negros nicht mehr los. In seinem Buch, das in den Niederlanden binnen kurzem sechs Auflagen erlebte, beschreibt er seine Suche nach der Herkunft des präparierten Leichnams. Diese Schilderung verknüpft er mit Darlegungen über die Geschichte des wissenschaftlichen Rassismus, den europäischen Kolonialismus, über den Sinn und Unsinn von Entwicklungshilfe sowie über den Umgang mit "den Anderen". Die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Passagen und Kapiteln des Buches sind zwar nicht immer evident, der Autor versucht bisweilen zu viel auf einmal mitzuteilen. Gleichwohl handelt es sich um ein spannendes und ungemein lesbares Buch, das en passant kompetent in wichtige Themen und Debatten einführt.

          Die Leser dürfen Westerman bei seinen akribischen Recherchen nach Spuren und Indizien über die Geschichte El Negros gleichsam über die Schultern schauen. Sie begleiten ihn auf seinen Reisen durch die Welt, sitzen mit ihm in staubigen Archiven, lesen alte Briefe, teilen seine Freude über wichtige Funde und seine Frustration über nicht mehr auffindbare Dokumente. Westerman findet heraus, daß Jules Verraux, zusammen mit seinem Bru der Inhaber eines Pariser Großhandels für ausgestopfte Tiere, 1831 ein "Individuum des Betjouanavolkes" von seiner Reise aus dem südlichen Afrika nach Frankreich gebracht hat. Offenbar hatte er den Leichnam des Mannes eigenhändig ausgegraben. Die Ursachen des Todes von El Negro kann Westerman nicht eindeutig klären. In Paris erregte der ausgestopfte Afrikaner vergleichsweise wenig Aufsehen. Auf Umwegen erwarb der spanische Sammler und Aussteller Francisco Darder schließlich den präparierten Leichnam und stellte ihn auf der Weltausstellung aus, wo er kurzzeitig für Furore sorgte.

          Die Odyssee von El Negro war, wie Westerman in eindringlichen Skizzen zeigt, eng verknüpft mit dem Aufstieg des rassischen Denkens in Europa, mit den Versuchen, Menschen nach "wissenschaftlichen" Kriterien zu klassifizieren und Afrikanern den Platz auf der untersten Stufe der "Rassenhierarchie" zuzuweisen. Die historischen Ausführungen werden immer wieder durch Kapitel unterbrochen, in denen der Autor seine Erfahrungen als Entwicklungshelfer und Journalist in Afrika darlegt. Die von ihm hier erzählte Geschichte der Desillusionierung eines einst Dritte-Welt-Bewegten ist schon oft erzählt worden, selten aber so charmant und entwaffnend. Westerman ist ein sehr (selbst-)kritischer und scharfsinniger Beobachter, aber glücklicherweise weder besserwisserisch noch moralinsauer.

          Während eines Aufenthalts in Südafrika kommt er zu einer für ihn durchaus schmerzlichen Einsicht: "Während ich El Negros Spur durch zwei Jahrhunderte europäischer Geschichte verfolgte, hatte ich die Idee aufgegeben, Farbe dürfe keine Rolle spielen. Dieses Ideal ist unerreichbare Utopie." Daraus zieht er einen provokanten Schluß. "Je stärker der Drang des ,Werde so wie wir', desto größer der Widerstand und letzten Endes die Kluft." Dies gelte für die Entwicklungshilfe ebenso wie für den Umgang mit Einwanderern.

          ANDREAS ECKERT.

          Frank Westerman: "El Negro". Eine verstörende Begegnung. Aus dem Niederländischen von Stefan Häring und Verena Kiefer. Ch. Links Verlag, Berlin 2005. 240 S., geb., 22,90 [Euro].

          Weitere Themen

          Ein Feuerwerk innovativer Ideen

          TV-Kritik: „Hart aber fair“ : Ein Feuerwerk innovativer Ideen

          Ob Fleischkonsum, Autofahren oder Fliegen – die Debatte zum Klimaschutz kennt oftmals nur eine Richtung: weniger, weniger, weniger. Doch das muss nicht sein, wie ein Lüneburger Professor eindrucksvoll aufzeigt.

          Topmeldungen

          Großprojekt in Brandenburg : Der Aufstand im Tesla-Wald

          Erst stoppen Umweltschützer die Rodungsarbeiten, dann klettern Kapitalismuskritiker auf die Bäume: Sind Großprojekte wie die Tesla-Fabrik in Deutschland überhaupt noch machbar?
          Ein deutsches U-Boot im Mai 1945 im Bunker in St. Nazaire

          Die letzten Kriegswochen : Kämpfe um deutsche U-Bootbasen

          Gefechte um noch von der Wehrmacht gehaltenen Stützpunkte in Westfrankreich bleiben folgenlos. Argentinien protestiert gegen das Festhalten seiner Diplomaten durch Deutschland. Der 18. Februar 1945 in der F.A.Z.-Chronik.
          Der „200. Dresdner Abendspaziergang“ des ausländerfeindlichen Bündnisses Pegida hatte vor der Frauenkirche auch zahlreiche Gegendemonstranten auf den Plan gerufen.

          Pegida-Demo in Dresden : Höckes Angst vor Merz

          Thüringens AfD-Chef sprach am Montagabend anlässlich des 200. „Abendspaziergangs“ der islam- und regierungsfeindlichen Bewegung Pegida vor mehreren tausend Menschen in Dresden. Etwa genauso viele protestierten gegen die Veranstaltung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.