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„Atlas der digitalen Welt“ : Die oberen 0,38 Prozent

  • -Aktualisiert am

Daten- und Netzwerkkabel an einem Internetserver Bild: Picture-Alliance

Wer befürchtet, dass Facebook, Google, Amazon und Co. zu mächtig geworden sind im Internet, weiß dank der Zahlen aus dem neuen „Atlas der digitalen Welt“ nun: Es ist noch viel schlimmer.

          4 Min.

          Es wird oft genug beklagt, dass die großen Online-Konzerne das Internet dominieren. Erst im August mussten die Chefs von Alphabet, Apple, Facebook und Amazon in einem Antitrust-Verfahren vor dem amerikanischen Kongress aussagen. Wie stark aber die digitale Konzentration genau ist, wie groß die Marktanteile der großen Plattformen sind, halten die Online-Konzerne bisher erfolgreich geheim. In jedem anderen Bereich der Medienlandschaft wissen wir, wie das Angebot ankommt – es gibt die Quote für das Fernsehen, die Auflagen der Zeitungen und Zeitschriften bei der IVW, die Bestsellerlisten bei Büchern. Nur die Sphäre, auf die es derzeit ankommt, hütet ihre Nutzungszahlen wie Coca-Cola sein Geheimrezept.

          Dass nun ein bisschen Licht ins Dunkel kommt, ist einem Buch zu verdanken, das an diesem Wochenende bei Campus erscheint, dem „Atlas der digitalen Welt“. Der Kölner Medienwissenschaftler Martin Andree und Timo Thomsen, ein Analyst der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK), zeichnen darin ein Bild davon, wie wir das Internet benutzen. Welche Seiten besucht werden, wie lange und bei welchem Konzern. Das ist einzigartig in dieser Genauigkeit. Es gab zwar schon immer viele Daten, etwa Klickzahlen von Artikeln, Besucherzahlen auf Websites oder Umfragen unter Nutzern, aber sie waren immer fragmentarisch und schlecht vergleichbar. Wer forschen wollte, war von der Gunst der Unternehmen abhängig.

          Eine Ausnahme ist das sogenannte GfK Crossmedia Link Panel, ein Instrument der Marktforschung, das bei 16.000 repräsentativ ausgewählten Deutschen installiert ist und ihr Online-Verhalten beobachtet. Also eigentlich ganz analog zu der Art, wie die Quote für das Fernsehen ermittelt wird. Das echte Verhalten wird dabei dokumentiert: Wie viel Zeit verbringt man auf einer Seite? Wo geht man von dort aus hin? Wie verteilt sich die Zeit im Internet auf Shopping, Nachrichtenlesen, Social Media etc.? Von alldem bekommt man jetzt erstmals eine Ahnung, die GfK hat einen Teil dieser Daten erstmals offengelegt.

          Das große Versprechen des Internets ist gescheitert

          Und das Ergebnis ist erschütternd. Ein zentraler Satz des Buches lautet: „Die Konzentration des gesamten Traffic auf nur sehr wenige Konzerne ist deutlich größer als vermutet.“ Die sieben größten Unternehmen der digitalen Welt haben zurzeit mehr als 50 Prozent der gesamten Internetnutzung auf ihren Seiten, auf den weiteren Plätzen geht es exponentiell rasant bergab: 71,8 Prozent der Verweildauer konzentrieren sich auf die 100 meistgenutzten Internetadressen. Dabei nutzen die Teilnehmer der Stichprobe in den drei Monaten der Datenerhebung insgesamt 131.993 Websites oder Apps, die meisten davon aber eben nur sehr kurz. 85,8 Prozent ihrer Online-Zeit verbrachten sie auf den Seiten der 500 stärksten Plattformen, also bei den oberen 0,38 Prozent. Übertragen auf die vielbeklagte soziale Ungleichheit, wäre dieses Verhältnis beinahe der Zustand, in dem eine einzige Person das gesamte Vermögen des Landes innehätte.

          Mit mehr als 100 Infografiken zeigt das Zahlenwerk unmissverständlich, dass das große Versprechen des Internets gescheitert ist. Vor zwanzig Jahren hofften die Gurus und Apologeten der neuen Online-Welt, dass das Internet die einzelnen Nutzer stärken werde. Chris Anderson etwa, der damalige Chefredakteur von „Wired“, pries in seinem berühmten Buch „The Long Tail“ die Nischenprodukte, die kleinen Unternehmen, die alle jetzt ermächtigt würden, sich zu behaupten. Jetzt haben wir es schwarz auf weiß: Dieser Traum ist geplatzt. Das betrifft auch den Kulturbereich. Blogs etwa, die lange Zeit als Mittel der publizistischen Ermächtigung galten, sind – das zeigen die Zahlen – praktisch unbedeutend. Ein Siebtel der Menschen schaut überhaupt mal auf einen Blog, das aber im Durchschnitt nur zwei Minuten im Monat.

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