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: Der Analytiker des Untergangs

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Walter Benjamin wohnte 1938 in Paris in der Rue de Dombasle, sein Nachbar war der fünfunddreißigjährige Ungar Arthur Koestler, der gerade auf Deutsch "Ein Spanisches Testament" veröffentlicht hatte, seinen Bericht über die dreimonatige Haft in einer Todeszelle General Francos. Walter Benjamin fand ...

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          Walter Benjamin wohnte 1938 in Paris in der Rue de Dombasle, sein Nachbar war der fünfunddreißigjährige Ungar Arthur Koestler, der gerade auf Deutsch "Ein Spanisches Testament" veröffentlicht hatte, seinen Bericht über die dreimonatige Haft in einer Todeszelle General Francos. Walter Benjamin fand "Ein Spanisches Testament" ein "sehr gutes Buch"; regelmäßig pokerte er samstags mit Koestler. Auf der Flucht vor den Nationalsozialisten trafen sich Koestler und Benjamin 1940 in Marseilles wieder. Benjamin teilt sein Gift mit Koestler. Benjamin wird später daran sterben, Koestler wird es erbrechen.

          Darauf spielt Gershom Scholem an, als er am 21. Januar 1945, er war gerade ordentlicher Professor in Jerusalem geworden, in sein bis heute nicht veröffentlichtes Tagebuch aus jenen Jahren notiert: "Am Freitag Abend zum Essen . . . mit Arthur Köstler, mit dem ich über Walter B. sprechen wollte. Er hatte ja im selben Haus wie Walter gewohnt und W. pflegte aus bekannten Gründen seiner Diplomatie den Verkehr. Er ist jetzt, vom Kommunismus abgefallen und erfolgreicher bestselling Autor genau so begabt und widerlich als Person und in seinem Gehaben wie er mir damals 1938 in Paris war, als Walter mir Vorwürfe machte, daß ich ihn nicht genug hofiere und sogar offensichtlich schlecht behandele. Er sprach wie ein ,gewiegter' Kenner von Walters Morphium-Ende, erzählte, daß W. ihm von seinen 62 Tabletten 31 abgegeben habe, die er (K.) ebenfalls in Lissabon . . . eingenommen, aber nach 24 Stunden wieder ausgebrochen habe. An Walter aber an geistiger Figur ist er weder interessiert noch zu interessieren. Sein Interesse gilt sich selber: Der Tote ist tot. Jetzt macht er sich über B's ,Marxismus' lustig!! Ein Greuel. Es gibt leider auch diesen Typ Juden." Diese Zeilen charakterisieren Koestler treffend. Der Kernsatz lautet: "Sein Interesse gilt sich selber."

          Arthur Koestler (Budapest 1905 bis London 1983) war einer der großen Journalisten und Intellektuellen des zwanzigsten Jahrhunderts, "geistig tollkühn" (Hilde Spiel), immer engagiert. Durch seinen Roman über die stalinistischen Schauprozesse in Moskau, "Darkness at Noon" ("Sonnenfinsternis", 1940), erlangte Koestler Weltruhm, aber am besten schrieb Koestler, wenn er über sich selbst schrieb. Robert Neumann bemerkte schon 1941, Koestlers Berichte über die Verfolgung und Inhaftierung der Intellektuellen in Frankreich durch die Nationalsozialisten in seinem Buch "Scum of the Earth" ("Abschaum der Erde", 1941) seien "weder Journalismus noch Literatur", sondern "Zeugnis". Koestler war ein brillanter Historiker seiner selbst, davon zeugen seine autobiographischen Erinnerungen (zwischen 1905 und 1950) "Arrow in the Blue" ("Pfeil ins Blaue", 1952) und "The Invisible Writing" ("Die Geheimschrift", 1954). Nachdem Koestler aus der kommunistischen Partei ausgetreten war, schrieb er die vielleicht schärfste Analyse der kommunistischen Illusion in diesem Jahrhundert: "The God That Failed" ("Ein Gott der keiner war", 1949).

          Schonungslos erzählt Koestler, wie er sich in den dreißiger Jahren zu "der Partei" (KPD) "bekehrt" hat, wie er ihr hörig gewesen ist, er, ein gefeierter Ullstein-Journalist in Berlin, wie er ihr blind und gläubig gedient hat, offen und im Untergrund der "Zellen", wie er schließlich von ihr abfiel, gewissermaßen eine zweite Konversion durchlebend. Koestler ist dann am aufregendsten, wenn er - oft seine eigenen - Fehler analysiert, notwendige Irrtümer beschreibt, Lebenslügen bloßlegt. Man kann diesen radikalen Wahrheitssucher mit der "Alles-oder-nichts-Mentalität" (Koestler) als einen Analytiker des Untergangs bezeichnen. Die Schärfe und Leichtigkeit seines oft ironischen und sarkastischen Schreibens ist atemberaubend. Koestler ist einer der wenigen Autoren, dem ein Leser allein wegen seines bedingungslosen Stils verfallen kann. Diesem autobiographischen Bericht folgte der antikommunistische Roman "The Age of Longing" ("Gottes Thron steht leer", 1951). Koestler "gehörte zu den einflußreichsten kommunistischen Renegaten der Epoche" (Henning Ritter).

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