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: Denn auch der übersetzte Vers will Ewigkeit

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Ralph Dutli ist ein reicher Mann. Der Schweizer Lyriker und Lyrikübersetzer aus dem Russischen, Französischen, Englischen, Altprovenzalischen und Lateinischen weiß, wie ein Paradox, die Umarmung eines Reims, eine Lautassoziation die Gefängnismauern von Diktaturen, die Grenzen der Vereinsamung oder soziale Zwänge überwinden und durchdringen können.

          Ralph Dutli ist ein reicher Mann. Der Schweizer Lyriker und Lyrikübersetzer aus dem Russischen, Französischen, Englischen, Altprovenzalischen und Lateinischen weiß, wie ein Paradox, die Umarmung eines Reims, eine Lautassoziation die Gefängnismauern von Diktaturen, die Grenzen der Vereinsamung oder soziale Zwänge überwinden und durchdringen können. Mit der Feinsteuerung seiner philologischen Beschlagenheit und dichterischen Intuition bereist Dutli die stalinistische Sowjetunion, das Okzitanien der Troubadours, das spätrömische Reich, und er scheint sich, zumindest wortschöpferisch, überall zu Hause zu fühlen.

          Als poetischen Schamanismus bezeichnet der Sprachzauberer seine Verwandlungs- und Anverwandlungsfähigkeit. Doch im Gegensatz zum echten Schamanen führt Dutli gern Besucher durch seine Werkstatt. Unter der Beschwörungsformel "Nichts als Wunder" hat der Amman-Verlag soeben einen Sammelband von Dutlis Essays und Notizen zur Poesie mitsamt vielfältigen Textproben herausgebracht. Als Wortkunstreisebegleiter hilft dieses Buch, ferne Quellen der Inspiration anzuzapfen.

          Für Dutli spendet der Eros auch Gedichten das Leben. Programmatisch beginnt der Autor seine Blütenlese mit dem Kuss-Sonett Nummer 18 der französischen Lyrikerin Louize Labé (1525 bis 1566). Das orale Liebes-Pingpongspiel, das sich im Original anmutig ins strenge Verskorsett schmiegt, wird in Dutlis deutscher Nachdichtung unweigerlich schwerfälliger, germanisch überexplizit und quillt aus dem Reimschema. Das kann man natürlich allenfalls zu kleinen Teilen dem Übersetzer ankreiden. An anderer Stelle entschuldigt sich Dutli regelrecht für die karge Reimpalette seiner Muttersprache, die auch den Vergleich mit dem Russischen nicht aushält. Der Essayist hilft dem Lyrikleser durch seine Analyse der Verse und der erotischen Biochemie überhaupt. Als Dichter-Dolmetscher beruft Dutli das französische Kleinod, wie auch den Liebeshymnus des religiösen Ekstatikers George Herbert, zu Kronzeugen für sein Credo, alle Lyrik brauche Grenzüberschreitung und sinnliche Lust.

          Das ästhetische Vergnügen trägt Dutli auch durch die Höllenkreise des Totalitarismus. Einfühlsam und analytisch erschließt er die Denkwelt des russischen Dorfdichters Sergej Jessenin, der sich an der Revolution entzündete und verbrannte. Jessenin, der in die Großstadt gespülte Chthoniker, kleidet seine apokalyptischen Visionen in Bildfetzen von Birkenharztränen und Roggenfeldflammen. Die Konvulsionen der Historie, so zeigt Dutli mit ergreifenden Textbeispielen, wirkten auf diesen russischen Antäus wie das Naturereignis einer kalbenden Kuh.

          Anna Achmatowa, die moderne Klassizistin, würdigt das Säuberungsjahr 1937 mit einem Katalog-Gedicht über GULag-Geographie. Straflager-Ortsnamen wie Jenissejsk, Irgis, Ischim knüpfen eine poetische Reiseroute in jene Unterwelt, in der bald darauf Achmatowas großer Kollege Mandelstam zugrunde ging - als Strafe für sein Stalin-Schmähgedicht. Den Tausende Quadratkilometer messenden Menschenverdauungstrakt möbliert die Dichterin mit "fauligen Pritschen, Seuchengestank". Das "goldene" Venedig hingegen, dessen Verherrlichung in der russischen Lyrik Dutli ein eigenes Kapitel widmet, wurde von Achmatowa auch für eine Enge und Schwüle gepriesen, die nicht beengt und drückt.

          Von Joseph Brodsky, dem weltliterarischen Enzyklopädisten, kann man mit Dutli lernen, in feindlicher Umwelt autark zu werden. Brodskys Gesellschaftsboykottaufruf "Geh nicht aus dem Zimmer", seine Weihnachtshommagen an die Kleinstfamilie, vom Autor sensibel übertragen und kommentiert, erinnern auch daran, dass die wichtigen Dinge eigentlich keinen Platz brauchen.

          Die Dichtung ist für Dutli das gelobte Land. In einem Bukett aus fünfzig sie umkreisenden Sentenzen, die den Autor als poesiesüchtig ausweisen, singt er das Loblied ihres Daseins, das frei von Zwecken und Autoritäten ist. Sein sprachmusikalisches Gehör erlaubt ihm kühne deutsche Variationen des berückenden kurzen Sterbegedichts von Kaiser Hadrian. Hadrians "kleine Seele" (animula), die beim Abschied starr und nackt (rigida nudula) ward, wird in Dutlis Schamanenlabor zum Schmetterling, der ja für die Alten die Seele symbolisierte. Ihre "Nacktheit" in der zärtlichen Verkleinerungsform verwandelt sich per Lautassoziation zum "Nüdelchen".

          Auch der Übersetzungsmeisterkoch, so zeigt der Rundgang durch Dutlis Gourmetparadies, darf und muss experimentieren. Die Vollwertlebensmittel freilich, die er braucht, wachsen nur außerhalb der Orangerie.

          - Ralph Dutli: "Nichts als Wunder". Essays über Poesie. Amman Verlag, Zürich 2007. 260 S., br., 22,90 [Euro].

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