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: Denker, seid Chemiker!

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Friedrich von Hardenberg, bekannt als Novalis, war nicht nur der ätherische Geisterseher, als der er in den Lehrbüchern der Deutschkurse gehandelt wird. Zunächst einmal hatte er einen handfesten Beruf als Salinenassessor und Bergbaufachmann. Da er auch Jurisprudenz, Mathematik und Philosophie studiert hatte, ...

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          Friedrich von Hardenberg, bekannt als Novalis, war nicht nur der ätherische Geisterseher, als der er in den Lehrbüchern der Deutschkurse gehandelt wird. Zunächst einmal hatte er einen handfesten Beruf als Salinenassessor und Bergbaufachmann. Da er auch Jurisprudenz, Mathematik und Philosophie studiert hatte, verfügte er über ein ebenso breites wie disparates Wissen, das zu harmonisieren zu einem seiner wichtigsten Anliegen wurde. Wie Ralf Liedtke in seiner Habilitationsschrift darlegt, spielte die Chemie die Hauptrolle bei diesem Unternehmen. An der Freiberger Bergakademie hatte von Hardenberg Grundkenntnisse in dieser Disziplin erworben, und er verfaßte selbst chemische und alchemistische Studien.

          Anhand dieser Studien, deren Themen von Überlegungen zur Verbesserung von Arbeitstechniken bis hin zu den abstrakten Höhen einer Metachemie reichen, hat Liedtke von Hardenbergs naturphilosophisches Denken rekonstruiert, um, wie er schreibt, seine Philosophie und Dichtung aus beruflichen Kontexten verständlicher zu machen.

          Dabei wird deutlich, daß die Chemie die Geistesgeschichte mindestens ebenso beeinflußt hat wie die heute als idealtypische Wissenschaft geltende Physik. Die Verwendung chemischer Metaphern ist für die romantischen Denker typisch. Die Grenze zwischen wissenschaftlicher Chemie im modernen Sinne und überkommenen Traditionen der Alchemie hat von Hardenberg, anders als viele seiner Zeitgenossen, nicht interessiert. Ihm ging es im Gegenteil gerade um einen dritten Weg zwischen den Extremen der exakten quantifizierenden Wissenschaft und der kreativen, inspirierten, höheren Weisheit.

          Die Chemie betont den prozessualen Wandel und das genetische Werden. Chemische Reaktionen vollziehen sich aufgrund der inneren Eigenschaften der Stoffe, nicht, wie Ereignisse in der Physik, durch das Einwirken äußerer Kräfte. Von Hardenberg betrachtete die chemische Reaktion als Paradigma schöpferischer Prozesse in der Natur und der Geisteswelt. So eignete sich die Chemie perfekt für die Verbindung zwischen spekulativer Naturphilosophie und exakter Wissenschaft. Die Chemie lieferte, so Liedtke, die wissenschaftliche Legitimation für die typisch romantische Orientierung nach innen. Ja sie versprach sogar, Denkvorgänge wissenschaftlich zu erklären. Novalis verstand die Chemie als Erfindungs- und Experimentierkunst und suchte nach einer "kreativen Vernunftchemie", was Liedtke mit manchmal irritierend modernen Begriffen als eine Frühform systemtheoretischer, dynamischer und funktionaler Naturbetrachtung interpretiert.

          In der Chemie, so von Hardenberg, verhalte es sich wie allgemein in den Wissenschaften, es komme zu einer Synthese von künstlerischer Genialität und exakter Wissenschaft. Mit seinem Versuch, Mittler zwischen Chemie und Alchemie, Rationalität und Kunst zu sein, stand Novalis eher gegen den stark polarisierenden Geist seiner Zeit. Er empfahl das analoge Denken für die Wissenschaft, das Zusammenhänge schneller und präziser erfassen könne "wie der wissenschaftliche Kopf". Er empfahl, die Wissenschaft zu poetisieren, denn die Poesie sei die einzig angemessene Ausdrucksform der Wissenschaft. Dabei vertrat er einen sehr pragmatischen Wahrheitsbegriff: Wahrheit müsse vor allem nach vorn weisen, müsse andere weiter und auf den Weg bringen. Umgekehrt liefert die Chemie eine Interpretationsvorlage der übrigen Phänomene: der Tod, so von Hardenberg, müsse nach dem Vorbild chemischer Reaktionen als Übergang, nicht als Untergang verstanden werden.

          Im alchemistischen Denken suchte von Hardenberg die Urform der Kreativität, er suchte einen dritten Weg zwischen Phantasie und Verstand, und die Chemie schien ihm diesen zu zeigen. Liedtke hat von Hardenbergs chemische Gedankenwelt und die seiner Inspirationsquellen, darunter Lavoisier, Fichte, Schelling, Kant und viele unbekanntere romantische Naturdenker, akribisch nachgezeichnet und damit ein Stück Geistesgeschichte aufgeschlagen, das heute meist nur unter Schlagworten wie dem "Paradigmenwechsel von der Phlogiston- zur Sauerstoffchemie" bekannt ist. Damit hat er ein Buch geschrieben, das nicht nur die Novalis-Forschung bereichert, sondern ebenso die eben erst entstehende Philosophie der Chemie geliefert.

          MANUELA LENZEN

          Ralf Liedtke: "Das romantische Paradigma der Chemie". Friedrich von Hardenbergs Naturphilosophie zwischen Empirie und alchemistischer Spekulation. mentis Verlag, Paderborn 2003. 396 S., geb., 50,- [Euro].

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