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Denis Holliers: Das Collège de Sociologie : Vom Heiligen muss man sich infizieren lassen

Bild: Suhrkamp Verlag

Versuchte Ordensbildung vor bewegtem politischem Hintergrund: Denis Holliers große Dokumentation des „Collège de Sociologie“ liegt nun auch auf Deutsch vor.

          4 Min.

          “Drei Hauptmotive leiten die Forschung; die Macht, das Sakrale und die Mythen. Um diese Probleme zu lösen, sind nicht nur Informationen und Exegese vonnöten; ihre Lösung muss vielmehr die gesamte Aktivität des Seins umfassen.“ So steht es in der 1937 in einer kleinen Pariser Zeitschrift namens „Acéphale“ erschienenen Präsentation eines „Collège de Sociologie“. Man sieht schon, klein wurde hier nicht gedacht und mitunter auch mit herrischem Gestus.

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Für den war der junge Roger Caillois, der diese Präsentation verfasste, der richtige Mann. Von der Kühnheit ist bei ihm die Rede, die es brauche, um die Ergebnisse der Wissenschaft vom Menschen auf die aktuelle Gesellschaft anzuwenden. Auf eine Gesellschaft „in Gärung“, womit zum einen die Zerreißproben auf dem politisch-sozialen Feld dieser Vorkriegsjahre anvisiert waren und zum anderen der „intellektuelle Wirbel“, der auf diese Verwerfungen reagierte. Gründendes und Kantiges sollte nun her an Stelle von schnell wieder zerbröselnden Vorschlägen.

          Kollektive Erregungen

          Und dieses Gründende bekam auch gleich einen Namen: Sakralsoziologie. Er brachte zum Ausdruck, was die geteilte Ansicht der ansonsten nach ihrem Habitus recht unterschiedlichen Gründungsmitglieder dieses „Collège“ war: Es brauche die eigentlich für das Studium vormoderner Gesellschaften entwickelte Kategorie des „Sakralen“, um die virulenten gesellschaftlichen Prozesse der Gegenwart in den Blick zu bekommen. Insbesondere auch, um die Anziehungskraft faschistischer Gruppierungen zu verstehen.

          Wobei die so ins Auge gefasste Präsenz sakral geprägter, also aus dem Alltäglichen herausfallender Erlebnisse auf dem politischen Feld bereits einen diagnostischen Anteil hatte: dass man es nämlich mit der Resonanz tief verankerter individueller Erlebnisformen auf dem Terrain kollektiver Erregungen zu tun habe. Weshalb es Ausnahmezustände wie Rituale, Feste, Spiele und Kriege im Blick zu halten galt.

          Batailles Geheimgesellschaft

          Bis hierher könnte man meinen, es eben mit einer ungewöhnlichen, das akademische Reservat hinter sich lassenden Gruppe zu tun zu haben, die mit der Anwendung von Religionssoziologie auf den Spuren von Durkheim und ethnographisch gefärbter religionswissenschaftlicher Studien auf ihre Gegenwart experimentierte. Aber das Programm war noch entschieden merkwürdiger. Denn es sollte tatsächlich auch darum gehen, wiedergewonnene echte Formen des hohen Erlebens - wofür das „Sakrale“ wie der „Mythos“ standen - in die Gesellschaft zu implementieren.

          Wie das genau gehen sollte, blieb zwar offen. Aber eine Form der fruchtbaren „Infektion“ mit dem gefährlichen kollektiven Erregungsstoff war verlangt, „eine Art schwindelerregender Übertragung“, so formulierte es Caillois später einmal. Und Georges Bataille, neben Caillois der zweite führende Kopf bei der Gründung des „Collège“, brachte diese Verpflichtung zum „Aktivismus“ auf die verwegensten Ideen. Selbst wenn er sie eher im Rahmen der assoziierten „Geheimgesellschaft“ Acéphale auslebte, wo man sich - nach späteren und etwas verlegenen Berichten - zuweilen nachts bei einer zerschmetterten Eiche im Forst von Marly treffen konnte, um mit Ritus und Opfer dann allerdings doch nicht ganz Ernst zu machen.

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