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: Den Romantikgehalt prüft die Stilmaschine

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Eine Übersetzung von Goethes "Faust", die 1821 in London erschien, spaltet gerade die anglistische Gelehrtenwelt. Es geht darum, wer ihr Übersetzer ist. Im vergangenen Herbst hatte die Oxford University Press in ihrer renommierten "Clarendon"-Reihe eine ausführlich kommentierte Neuausgabe des Dramas veröffentlicht.

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          Eine Übersetzung von Goethes "Faust", die 1821 in London erschien, spaltet gerade die anglistische Gelehrtenwelt. Es geht darum, wer ihr Übersetzer ist. Im vergangenen Herbst hatte die Oxford University Press in ihrer renommierten "Clarendon"-Reihe eine ausführlich kommentierte Neuausgabe des Dramas veröffentlicht. Sie schreibt einem der bekanntesten romantischen Schriftsteller der Briten, Samuel Taylor Coleridge, diesen englischen "Faust" zu. Coleridge kann als der erste große germanophile Literat Englands gelten. Er war Importeur des deutschen Idealismus - wie viele Briten außer ihm haben jemals behauptet, Schelling verstanden zu haben? - und Handlungsreisender in Ideen der Brüder Schlegel, die er manchmal auch als die Seinen ausgab. Seine glänzende Übersetzung des zweiten und dritten Teils von "Wallenstein" erfolgte direkt aus Schillers Manuskript.

          Coleridge hatte Ende des achtzehnten Jahrhunderts Deutschland bereist, kam romantiktrunken von dieser Tour zurück und bewirkte, dass seitdem eigentlich niemand mehr die Romantik als eine deutsche Affäre bezeichnen kann. Zusammen mit William Wordsworth revolutionierte er in "Literarische Balladen" von 1798 die englische Literatursprache. Seine berühmtesten Gedichte, "Kubla Khan" und "Der Reim vom alten Seenmann", kannte einst jeder englische Oberschüler. 1833 nun allerdings hatte Coleridge selbst bestritten, auch nur einen Tropfen Tinte an den "Faust" verwendet zu haben. Die amerikanischen Literaturwissenschaftler Frederick Burwick, Emeritus der Universität von Kalifornien, und James C. McKusick, Anglist an der Universität von Montana, verbrachten nichtsdestotrotz Jahrzehnte mit dem komplizierten stilkritischen Versuch, nachzuweisen, dass er der Autor der 1821 anonym als Arbeit eines "Gentleman von literarischem Rang" erschienenen Fassung des Versdramas sei. Sollte er gelungen sein, wäre es eine Sensation.

          Wochen nach der Publikation des stattlichen, mehrere englische "Faust"-Übersetzungen des neunzehnten Jahrhunderts bringenden Bandes kam der Gegenschlag. Drei Londoner Professoren für die Geschichte der deutschen und insbesondere der romantischen Literatur - Roger Paulin, Elinor Schaffer und William St. Clair - attackierten die Oxforder Edition in einer von der "School of Advanced Study" der Londoner Universität ins Internet gestellten Analyse von fünfunddreißig Seiten, voller Fußnoten, Quellenverweise und Illustrationen - sowie voller bissiger Richtigstellungen und Beschwerden. Es könne keine Rede davon sein, dass Coleridge den ersten Teil des "Faust" - nur um ihn geht es - übersetzt habe. Dutzende von Tatsachen sprächen dagegen. Die Edition entspreche nicht den normalen Standards der Oxford University Press. Seitdem ist eine Kontroverse über philologische Methoden und historische Detektivarbeit entbrannt.

          Worum geht es? Um einen Indizienprozess und um zwei Arten wissenschaftlicher Evidenz. Die eine hält sich an historische Quellen, die andere an die Sprache. Zuerst die Tatsachen: Als Coleridge 1814 von John Murray, dem Verleger Lord Byrons, einhundert Pfund erhielt, damit er den "Faust" übersetze, war seine Karriere als Dichter schon zu Ende. Er hatte die eigene Genie- und Opiumperiode überlebt, ohne jemals zu dem hinreißenden Ton zurückzufinden, der seine Werke um 1800 herum in den Rang von Weltliteratur hob. Die "Faust"-Übersetzung lieferte er damals nicht, Teile des Werks seien unübersetzbar.

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