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: Den besten Sex haben die Schnecken

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MADRID, 1. JuliAcht Jahre nach ihrem Tod ist die Schriftstellerin Patricia Highsmith noch immer nicht in der Literaturgeschichte angekommen. Das muß kein Nachteil sein. Zumindest wird ihr Werk - zweiundzwanzig Romane, neun Bände Erzählungen - dann nicht aus den falschen Gründen gelesen. Sicher ...

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          MADRID, 1. Juli

          Acht Jahre nach ihrem Tod ist die Schriftstellerin Patricia Highsmith noch immer nicht in der Literaturgeschichte angekommen. Das muß kein Nachteil sein. Zumindest wird ihr Werk - zweiundzwanzig Romane, neun Bände Erzählungen - dann nicht aus den falschen Gründen gelesen. Sicher ist, daß Bücher wie "Tiefe Wasser", "Der süße Wahn" und "Die gläserne Zelle" mit der Zeit nicht schrumpfen, sondern wachsen. In den Vereinigten Staaten, wo manche ihrer Bücher gar nicht erst zur Veröffentlichung angenommen wurden, haben zahlreiche Neuausgaben zu einer triumphalen Wiederentdeckung geführt. Und auf die Phantasie von Filmregisseuren und Schauspielern scheint Highsmith tiefer zu wirken als irgendein anderer Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts: Alain Delon, Gert Fröbe, Bruno Ganz, Dennis Hopper, Gérard Dépardieu, Helmut Griem, Matt Damon oder John Malkovich, sie alle haben schon Highsmith-Helden gespielt, gepflegte junge Männer, deren Leben unter den gewöhnlichsten Umständen in Wahnsinn und Schuld stürzt. Die Kanonisierung der Autorin ist in vollem Gange, und die Schriftgelehrten spielen dabei keine Rolle.

          Wer sich hinter der Schöpferin des lässigen Mörders Tom Ripley, des Helden von fünf Romanen, schon immer eine bizarre Persönlichkeit vorgestellt hat, darf sich nach Andrew Wilsons soeben erschienener Biographie "Beautiful Shadow" (Bloomsbury, auf deutsch im Herbst beim Berlin Verlag) bestätigt fühlen. Aber anders als erwartet. Der Buchtitel bezieht sich auf "Belle Ombre", den zweideutigen Namen der französischen Villa, in der Tom Ripley als davongekommener Mörder, Gutsherr und Hobbymaler die Früchte des Verbrechens genießt. Ambivalenz, Doppeldeutigkeit, Camouflage: das sind die Stichworte nicht nur für das Werk, sondern auch für das Leben der Patricia Highsmith.

          Denn obwohl sie Amerikanerin war, sind viele ihrer Schauplätze und gesellschaftlichen Instinkte europäisch. Während ihre Romane von meist jungen Männern bevölkert sind, liebte die Schriftstellerin nur Frauen. Handeln die Bücher vom Beobachten, Ausforschen und Verfolgen, von obsessiven Beziehungen und psychopathischen Fixierungen, spielte sich das Leben der Autorin in der Einsamkeit ab, meist auf dem Land, in Gesellschaft von Katzen und Schnecken. Am Ende baute sie sich in Tegna in der Schweiz ihre eigene Festung mit Fenstern wie Schießscharten.

          Patricia Highsmith ertrug Menschen nicht lange. Daß die längste Sex-Szene ihres gesamten Werks zwischen den Schnecken Edgar und Hortense stattfindet, sagt alles. Vor neuen Bekanntschaften trat sie einen Schritt zurück und verweigerte den körperlichen Kontakt. Auf einer Party, die sie selbst gab, floh sie vor ihren Gästen. Interviews bereiteten ihr physische Qual. "Meine Phantasie arbeitet besser, wenn ich nicht mit Menschen sprechen muß." Im Alter ernährte sie sich weitgehend von Alkohol. Sie soll schwierig, geizig und oft kleinlich gewesen sein, dabei unbekümmert um die Meinung anderer. Als sie Anfang Februar 1995 den Tod kommen sah, schickte sie Freunde und Freundinnen weg, um allein zu sterben.

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