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: Dem Wagnis eine Gasse

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Marcel Reich-Ranickis Aufruf in der ersten "Frankfurter Anthologie" (1974), "Der Dichtung eine Gasse", braucht keine Verstärkung mehr. Längst haben immer neue Gedichtsammlungen den Weg durch diese Gasse genommen. Mit ihren Bänden, die motivgleiche Gedichte zu Gebinden von Natur- oder von Großstadtlyrik ...

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          Marcel Reich-Ranickis Aufruf in der ersten "Frankfurter Anthologie" (1974), "Der Dichtung eine Gasse", braucht keine Verstärkung mehr. Längst haben immer neue Gedichtsammlungen den Weg durch diese Gasse genommen. Mit ihren Bänden, die motivgleiche Gedichte zu Gebinden von Natur- oder von Großstadtlyrik flechten, von Liebes- oder frecher erotischer Dichtung, von Jahreszeitenlyrik und überhaupt von Lyrik zu jedem besonderen Anlass, der in ein Gedicht gerade noch hineinpasst, befriedigen die Herausgeber offenbar ein poetisches Grundbedürfnis. Aber mit diesen Lyrikkränzen sollte man die eigentlichen Anthologien nicht verwechseln. Hier wollen die Herausgeber die deutsche Sprach- und Lyrikgeschichte mit exemplarischen Gedichten dokumentieren und lebendig erhalten und reichen dem Lyrikliebhaber Handbücher, die - zumeist einbändig und voluminös - zwar schwer in der Hand liegen, aber eben auch goldenen Inhalts sind.

          Last des Erbes.

          Vergessen werden sollten nicht die - oft gut kommentierten - Auswahlbände zur Lyrik der Epochen, natürlich auch nicht die Lyrikbände in Reich-Ranickis "Kanon" der deutschen Literatur. Zu reden aber ist hier von den Gedichtanthologien, die das Beispielhafte aus fast anderthalb Jahrtausenden zwischen zwei Buchdeckel bringen, Anthologien also, unter denen, von Heinrich Detering herausgegeben, "Reclams großes Buch der deutschen Gedichte" die vorerst letzte ist. Zu ihnen zu rechnen sind auch die einbändigen Ausgaben, in denen sich der Herausgeber ausdrücklich zu seiner sehr individuellen Auswahl bekennt. Für sie stehe als Beispiel Reich-Ranickis Band "Meine Gedichte von Walther von der Vogelweide bis heute" (im Insel Verlag, 2003).

          Das Erbe des legendären "Echtermeyer/von Wiese" verwaltete und bereicherte Karl Otto Conradys "Großes deutsches Gedichtbuch" (1977), dessen Titel in der Neuausgabe (Artemis & Winkler, 2000) unter dem selbstbewussten Zusatz "Der neue Conrady" auftreten konnte. Diese Anthologie verhehlt nicht ihren dokumentarischen Anspruch, sie bezieht auch, als Zeitzeugnis, nationalsozialistische Lyrik ein, die der Herausgeber als Germanist kritisch beurteilt. Wer streng am literarischen Kanon orientiert ist, mag dem ungewöhnlich starken Anteil neuester Lyrik misstrauen. Hier hält Conrady als Zeitgenosse sein endgültiges Urteil noch offen.

          Agitatorische Lyrik nationalsozialistischer oder sozialistischer Parteilichkeit schließt kategorisch Wulf Segebrecht aus in seiner Anthologie "Das deutsche Gedicht vom Mittelalter bis zur Gegenwart" (S. Fischer Verlag, 2005). Die Auswahl ist die erste umfassende einbändige Anthologie, die auf Modernisierung und Normalisierung der Texte, und sei es die vorsichtigste, verzichtet und den Gedichten ihre historische Orthographie belässt, im Vertrauen darauf, dass der Lyrikfreund auch dem fremd Anmutenden seinen ästhetischen Reiz abgewinnt. Mitbestimmend für die Auswahl war der Gedanke eines intertextuellen Gesprächs zwischen motivähnlichen Gedichten.

          Die Unvermeidlichkeit des Subjektiven.

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