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Dekadenz der Start-up-Szene : Wer schläft, begeht eine Sünde

  • -Aktualisiert am

Ein äußerst prozessfreudiger Software-Konzern: Seit 2018 gehört der Verwaltungsdienst GitHub, bei dem auch Anna Wiener arbeitete, zu Microsoft. Bild: AFP

Scheitern muss man sich leisten können: In einer autobiographischen Reportage blickt Anna Wiener ins Räderwerk der Internetbranche. Konzepte wie „Feierabend“ oder „Privatsphäre“ kommen in dieser Welt nicht vor.

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          Anna Wiener gehört einer Generation an, die eine Welt ohne Internet und Harry Potter nicht kennt. Vielleicht ist ihr Buch über das Silicon Valley deshalb voller Voldemorts, ebenso machtvollen wie körperlosen Entitäten mit leistungsfähigen Rechtsabteilungen, die herbeigerufen werden, wenn man ihren Namen erwähnt. So ist Microsoft bei ihr nur der „äußerst prozessfreudige Software-Konzern“ und Facebook „das soziale Netzwerk, das alle hassten“.

          Als Facebook 2012 an die Börse geht, ist Wiener fünfundzwanzig Jahre alt und arbeitet bei einem Verlag in New York. Auch er bleibt namenlos, die Heldin von „Code kaputt“ wird ihn schon im ersten Kapitel verlassen, denn die Zeit, in der man als College-Absolventin seine Karriere noch im Bereich „Irgendwas mit Medien“ machen konnte, war schon damals vorbei: „Wir hatten Geschmack, und wir hatten Integrität. Wir waren nervös, und wir waren pleite.“

          Ohne jeden Unversöhnlichkeitsjargon

          Wiener beschließt, in die Internetbranche zu wechseln, zu einem namenlosen New Yorker Start-up, das an einem Abo-Modell für E-Books arbeitet. Von dort sollte es weitergehen nach San Francisco, zu einem namenlosen Unternehmen, das eine Software zur Analyse der Nutzeraktionen auf anderen Websites anbietet, und schließlich zu einem weiteren namenlosen Projekt, das unschwer als GitHub zu erkennen ist – eine Plattform, auf der Softwareentwickler ihre Projekte ablegen, dokumentieren und veröffentlichen können.

          Anna Wiener: „Code Kaputt“. Macht und Dekadenz im Silicon Valley.
          Anna Wiener: „Code Kaputt“. Macht und Dekadenz im Silicon Valley. : Bild: Droemer Knaur Verlag

          Wieners Buch ist lesenswert, weil es den Lebenslauf eines jener Menschen dokumentiert, ohne die im Internet nicht viel funktionieren würde, die aber gerade deshalb nie im Fokus öffentlicher Aufmerksamkeit stehen. Wiener beschreibt die Machtstrukturen innerhalb und außerhalb der Unternehmen und isoliert dabei bestimmte Muster, ohne in den im Politaktivisten-Twitter üblichen Unversöhnlichkeitsjargon zu verfallen: Die Öffentlichkeit ist jederzeit bereit, vermeintlichen Disruptoren und Innovatoren zuzujubeln; die – meist von Frauen erledigte – Wartungsarbeit wird bestenfalls als selbstverständlich wahrgenommen. Die IT-Branche, so Wiener, funktioniert, ihrer Disruptionsrhetorik zum Trotz, keineswegs so viel anders als der Rest der Gesellschaft.

          Die Utopien schwinden

          Die Arbeitswelt in „Code kaputt“ gliedert sich in drei Schichten: Die Gründer, die Top-Programmierer sowie deren auf ein Minimum beschränktes Unterstützungspersonal. Zur vertikalen Hierarchie gesellt sich noch eine zeitliche: Wer früh mit an Bord gekommen ist, erhält Aktienoptionen und hat die Chance auf dauerhafte finanzielle Absicherung. Die zeitliche Dimension lässt sich mit Geschick und Glück noch in den Griff bekommen, aber in die Sphäre der Gründer vorzustoßen, ist sehr schwierig und setzt lange Vernetzungsarbeit mit Risikokapitalgebern an Elite-Institutionen voraus.

          Auch das unternehmerische Risiko sieht Anna Wiener ungleich verteilt: Sie könne jederzeit ohne Krankenversicherung auf der Straße landen, falls das Start-up ihres Arbeitgebers scheitert. Der Gründer hingegen könne sich darauf verlassen, von seinem Netzwerk von Freunden und Kapitalgebern aufgefangen zu werden. Im Silicon Valley ist das Scheitern nach wie vor erlaubt, man muss es sich nur leisten können.

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