https://www.faz.net/-gr3-a2jyt

Dekadenz der Start-up-Szene : Wer schläft, begeht eine Sünde

  • -Aktualisiert am

Ein äußerst prozessfreudiger Software-Konzern: Seit 2018 gehört der Verwaltungsdienst GitHub, bei dem auch Anna Wiener arbeitete, zu Microsoft. Bild: AFP

Scheitern muss man sich leisten können: In einer autobiographischen Reportage blickt Anna Wiener ins Räderwerk der Internetbranche. Konzepte wie „Feierabend“ oder „Privatsphäre“ kommen in dieser Welt nicht vor.

          3 Min.

          Anna Wiener gehört einer Generation an, die eine Welt ohne Internet und Harry Potter nicht kennt. Vielleicht ist ihr Buch über das Silicon Valley deshalb voller Voldemorts, ebenso machtvollen wie körperlosen Entitäten mit leistungsfähigen Rechtsabteilungen, die herbeigerufen werden, wenn man ihren Namen erwähnt. So ist Microsoft bei ihr nur der „äußerst prozessfreudige Software-Konzern“ und Facebook „das soziale Netzwerk, das alle hassten“.

          Als Facebook 2012 an die Börse geht, ist Wiener fünfundzwanzig Jahre alt und arbeitet bei einem Verlag in New York. Auch er bleibt namenlos, die Heldin von „Code kaputt“ wird ihn schon im ersten Kapitel verlassen, denn die Zeit, in der man als College-Absolventin seine Karriere noch im Bereich „Irgendwas mit Medien“ machen konnte, war schon damals vorbei: „Wir hatten Geschmack, und wir hatten Integrität. Wir waren nervös, und wir waren pleite.“

          Ohne jeden Unversöhnlichkeitsjargon

          Wiener beschließt, in die Internetbranche zu wechseln, zu einem namenlosen New Yorker Start-up, das an einem Abo-Modell für E-Books arbeitet. Von dort sollte es weitergehen nach San Francisco, zu einem namenlosen Unternehmen, das eine Software zur Analyse der Nutzeraktionen auf anderen Websites anbietet, und schließlich zu einem weiteren namenlosen Projekt, das unschwer als GitHub zu erkennen ist – eine Plattform, auf der Softwareentwickler ihre Projekte ablegen, dokumentieren und veröffentlichen können.

          Anna Wiener: „Code Kaputt“. Macht und Dekadenz im Silicon Valley.
          Anna Wiener: „Code Kaputt“. Macht und Dekadenz im Silicon Valley. : Bild: Droemer Knaur Verlag

          Wieners Buch ist lesenswert, weil es den Lebenslauf eines jener Menschen dokumentiert, ohne die im Internet nicht viel funktionieren würde, die aber gerade deshalb nie im Fokus öffentlicher Aufmerksamkeit stehen. Wiener beschreibt die Machtstrukturen innerhalb und außerhalb der Unternehmen und isoliert dabei bestimmte Muster, ohne in den im Politaktivisten-Twitter üblichen Unversöhnlichkeitsjargon zu verfallen: Die Öffentlichkeit ist jederzeit bereit, vermeintlichen Disruptoren und Innovatoren zuzujubeln; die – meist von Frauen erledigte – Wartungsarbeit wird bestenfalls als selbstverständlich wahrgenommen. Die IT-Branche, so Wiener, funktioniert, ihrer Disruptionsrhetorik zum Trotz, keineswegs so viel anders als der Rest der Gesellschaft.

          Die Utopien schwinden

          Die Arbeitswelt in „Code kaputt“ gliedert sich in drei Schichten: Die Gründer, die Top-Programmierer sowie deren auf ein Minimum beschränktes Unterstützungspersonal. Zur vertikalen Hierarchie gesellt sich noch eine zeitliche: Wer früh mit an Bord gekommen ist, erhält Aktienoptionen und hat die Chance auf dauerhafte finanzielle Absicherung. Die zeitliche Dimension lässt sich mit Geschick und Glück noch in den Griff bekommen, aber in die Sphäre der Gründer vorzustoßen, ist sehr schwierig und setzt lange Vernetzungsarbeit mit Risikokapitalgebern an Elite-Institutionen voraus.

          Auch das unternehmerische Risiko sieht Anna Wiener ungleich verteilt: Sie könne jederzeit ohne Krankenversicherung auf der Straße landen, falls das Start-up ihres Arbeitgebers scheitert. Der Gründer hingegen könne sich darauf verlassen, von seinem Netzwerk von Freunden und Kapitalgebern aufgefangen zu werden. Im Silicon Valley ist das Scheitern nach wie vor erlaubt, man muss es sich nur leisten können.

          Weitere Themen

          Fräulein Izabelas Zauberwelt

          Entdeckungsreise in Warschau : Fräulein Izabelas Zauberwelt

          „Die Puppe“ von Bolesław Prus ist der berühmteste polnische Roman, in Deutschland ist das Buch bis heute nahezu unbekannt. Ihm eingeschrieben ist eine Topographie Warschaus, die zu einer Entdeckungsreise einlädt.

          Ich bin Traum und Inspiration

          Victor Brauner in Paris : Ich bin Traum und Inspiration

          Vergessener Surrealist: Bei ihm bilden Leben und Werk eine Einheit. Nun widmet sich eine Pariser Ausstellung dem rumänisch-französischen Maler Victor Brauner.

          Topmeldungen

          Reges Treiben in der Londoner U-Bahn

          Staatshilfen benötigt : Londons U-Bahn in Not

          Die Londoner „Tube“ leidet unter den Folgen der Corona-Pandemie. Die schon vorher defizitäre Verkehrsgesellschaft TfL braucht Staatshilfe in Milliardenhöhe.
          Auf dieses Bild werden die Frankfurter in diesem Jahr verzichten müssen: Der Weihnachtsmarkt am Römer (Archivbild von 2015)

          Höchststand an Neuinfektionen : Frankfurt sagt Weihnachtsmarkt ab

          Der Frankfurter Weihnachtsmarkt ist endgültig abgesagt. Das hat Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Die Grünen) nach einer Sondersitzung des Verwaltungsstabs am Samstag bestätigt. Zudem beschließt die Stadt weitere Einschränkungen.
          Robinhood-Mitgründer Vlad Tenev (links) und Baiju Bhatt vor dem Hauptquartier der Tradingapp in Palo Alto

          Daytrading und Social Media : Die Börsen-Revolution von unten

          Viele Privatanleger haben die Märkte infolge der Pandemie neu entdeckt. Immer wieder wird von der Demokratisierung der Märkte gesprochen. Doch welchen Einfluss haben die neuen Investoren wirklich und mit welchen Folgen?
          An der Herbstkrise vorbei geschliddert: der BVB fand in Schalke einen praktischen Gegner.

          Dortmunder 3:0 gegen Schalke : Klare Verhältnisse im Revier

          Borussia Dortmund gewinnt das Derby gegen Schalke 3:0 – die Herbstkrise scheint vorerst abgewendet. Für den Gegner sieht es dagegen düster aus in der Fußball-Bundesliga.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.