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Dekadenz der Start-up-Szene : Wer schläft, begeht eine Sünde

  • -Aktualisiert am

Schnelle Beute und Wandervogelkameradschaft

Mit den Optionen zur sozialen Mobilität schwinden auch die Utopien, die bis zum Dotcom-Crash der Jahrtausendwende mit dem Internet verknüpft waren. Nicht geändert hat sich allerdings der Modus Operandi der Start-ups: Eine eng umgrenzte Idee muss in kürzester Zeit mit großen Mengen Startkapital umgesetzt werden. Während das New Yorker E-Book-Unternehmen eher nachlässig zu Werke geht, sind Wieners Arbeitgeber im Silicon Valley straffer organisiert, die Gründer halten ihr Personal mit der Aussicht auf Aktienoptionen, lustigen Büroräumen und gemeinsamen Campingausflügen bei der Stange.

Die Art, wie Zusammenhalt durch Aussicht auf schnelle Beute und Wandervogelkameradschaft hergestellt wird, erinnert an militärische Vorgehensweisen. Auch wenn es betont locker zugeht, handelt es sich dabei um eine männliche Methode: Man geht gemeinsam auf die Jagd, die temporären Unbequemlichkeiten gehören dazu und spornen sogar weiter an.

Personalverschleiß ist einkalkuliert

Auch Wiener macht mit, zeigt sich selbst dann von den Unternehmenszielen überzeugt, wenn diese von paranoiden Chefs mit erhöhter Penetranz abgefragt werden. Innerhalb des Systems hat das auch Sinn, denn wer sein Team härter antreibt, gewinnt das Spiel. Aus dem New Yorker E-Book-Start-up wird nichts, die härter geführten Unternehmen aus dem Silicon Valley schaffen es dagegen locker in die nächste Finanzierungsrunde.

Wiener schildert, wie sie in ihrem Job bei GitHub auf Material von Hassgruppen stößt. Sie habe die Brisanz dessen, was dort passiert sei, aber nicht erkannt, die Ressourcen ihres Moderationsteams seien zu knapp bemessen gewesen. Für Konzepte wie „Feierabend“ oder „Privatsphäre“ ist in der Arbeit am Netz kein Platz. Um in einer Umgebung längere Zeit halbwegs gut funktionieren zu können, in der es als Sünde gilt, zu schlafen, müssten Kommunikations- und Moderationsjobs in weltweit agierenden Organisationen drei- oder viermal so stark besetzt sein wie in einer traditionellen Firma. Das werden sie aber nicht, weil das Geld kostet, daher führt die Online-Arbeit in Wieners Welt zu einem immer breiteren Spagat zwischen den Qualitätsanforderungen und dem, was man tatsächlich noch leisten kann.

Die Internet-Branche kalkuliert mit hohem Verschleiß an Personal. Wiener schafft den Absprung, indem sie ihr Erspartes in GitHub-Aktien anlegt – bevor der Laden von Microsoft übernommen wird. Ein kleiner Etappensieg, mehr nicht. Personalverantwortliche könnten aus der Lektüre von „Code kaputt“ lernen, wie man intelligente junge Frauen im Unternehmen hält. Allen anderen möge das Buch als Warnung vor den vielen kleinen Voldemorts und dem auch in kleinen Erfolgen eingepreisten Burn-out dienen.

Anna Wiener: „Code Kaputt“. Macht und Dekadenz im Silicon Valley. Aus dem Englischen von Cornelia Röser. Droemer Knaur Verlag, München 2020. 320 S., br., 18,– €.

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