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: Deine Rede sei uferlos

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Das Evangelium nach Johannes ist ein total vermintes Gelände. Das gilt jedenfalls für die wissenschaftliche Auslegung, die insbesondere seit rund einhundert Jahren in ein offenbar aussichtsloses Ringen um diesen Text verstrickt ist. Das Problem liegt weniger beim Evangelisten - Alte Kirche und Mittelalter, ...

          Das Evangelium nach Johannes ist ein total vermintes Gelände. Das gilt jedenfalls für die wissenschaftliche Auslegung, die insbesondere seit rund einhundert Jahren in ein offenbar aussichtsloses Ringen um diesen Text verstrickt ist. Das Problem liegt weniger beim Evangelisten - Alte Kirche und Mittelalter, um nur Origenes und Thomas von Aquin zu nennen, haben es gut verstanden -, es liegt bei den Auslegern, die mit dem Apparat des modernen Denkens an diesem Text scheitern.

          Allein in den letzten sieben Jahren sind drei deutsche Kommentare zu diesem Evangelium erschienen, von Ulrich Wilckens 1998, von Klaus Wengst 2000 und 2001 und eben gerade von Hartwig Thyen. Der markanteste unter ihnen ist der von Thyen - schließlich hat er eine Arbeitszeit von mehr als dreißig Jahren beansprucht und beeindruckt nun durch die Fülle von 796 Seiten, von denen etwa zehn Prozent nichtübersetzte griechische Zitate sind. Thyen, der letzte Promovend Rudolf Bultmanns, bekennt freimütig, er habe in den letzten vierzig Jahren zahllose Wege und Irrwege beschritten. Insbesondere wurde aus dem entschiedenen Verfechter sozialgeschichtlicher Fragestellungen ein Kollege, der nur mehr mit "Textwelten" operiert, da alles andere "blanke Illusion" sei. Angewandt auf das vierte Evangelium, hatte das einerseits die stetige Wiederkehr der Lieblingsvokabeln "Sprachspiel", "hochsymbolisch fiktional" und "intertextuell" zur Folge, andererseits aber das Kuriosum, daß dem Buch die übliche Einleitung fehlt, in der es über Autor und Entstehungszeit, Adressaten und Rezeption geht. Der Leser wird für alle diese Fragen auf ein Buch des Autors von 1970 (!) verwiesen. Nein, das Fehlen einer Einleitung ist inhaltlich kein Zufall, denn es spricht ein Text autorlos an eine Gemeinde zeitlos in der Diözese ortlos, Anlaß zu Kommentierungen uferlos, oder, wie der Umschlag lapidar erklärt, das Evangelium sei "ein Buch für alle Christen".

          Nun ist es eine alte Einsicht, daß sich in der Exegese alle zweihundert Jahre alles wiederholt, da die alten Bücher vergessen werden oder keiner mehr Latein versteht. Mit diesem Kommentar sind wir etwa im Jahre 1250 wieder angelangt, was keineswegs ein Tadel sein muß. Der deutsche Dominikaner und Kardinal Hugo von St. Caro aus Amorbach legte eine Postille zur ganzen Bibel vor (hier nach der Ausgabe von 1502), die erstmals auf einer vollständigen, fleißig selbstverfertigten Konkordanz beruhte. Jede Stelle wird erklärt mit allen Wortparallelen aus der ganzen Bibel. Mit typologischer Auslegung wird nicht gespart. Hören wir parallel dazu Thyen: Die Hochzeit von Kana nach Joh. 2 beruht auf Exodus 19-24. Denn dort komme der dritte Tag vor, auch Reinigung und Entsündigung des Volkes, und nach dem vierten Evangelium seien eben Wein, Blut, Wort und Geist doch synonym im Sinne von Reinigungsmitteln. In Ex. 19,18 heißt es: "Alles, was Gott sagt, wollen wir tun", und in Joh. 2 sagt Maria zu den Dienern: "Alles, was er sagt, tut!"

          Das ist natürlich ein Sprachspiel, und Maria steht hier für die toratreue Synagoge. Daß mit dieser Pointe die Erzählung aus dem Gleichgewicht gerät, stört nicht. Härter wird es schon, wenn das Aufbewahren des besseren Weines bis zuletzt (die berühmte Weinregel) mit Ex. 12,6 kommentiert wird, wonach das Passahlamm bis zum 14. des Monats "aufbewahrt" wird. Der Leser muß dann schon tausend Hängebrücken konstruieren, um so einen Sinn zu finden. Aber wenn Jesus in derselben Erzählung sagt: "Frau, was habe ich mit dir zu schaffen?", sei das ein Sprachspiel mit dem Aufschrei der Dämonen nach Mk 1,24: "Was haben wir mit dir zu schaffen?" Spätestens an dieser Stelle fragt der erstaunte Leser: Was soll das Spiel, wenn Jesus so spricht wie die gequälten Dämonen? Antwort ist vermutlich: Spiel ist eben Spiel, denn so erklärt Thyen: "Es gibt nur noch die intentio operis, und ein derart hochsymbolisches opus wie unser Text enthält in sich durchaus die Lizenz zu derartiger Lektüre, ja, er ermutigt zu ihr und ist für solches Entdecken intertextueller biblischer Zusammenhänge geradezu geschaffen."

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