https://www.faz.net/-gr3-15yon

Debora Weber-Wulff u.a.: Gewissensbisse : Orientierung im digitalen Maschinenraum

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Woran sollen Informatiker sich halten, wenn ihre Arbeit sie in ethische Konflikte bringt? Ein Band formuliert Richtlinien und entwirft realistische Fallgeschichten mit offenem Ende.

          4 Min.

          Gewissensbisse sind jene Sanktion, die sich nach moralischem Fehlverhalten einstellt. Sie nagen am Betroffenen rein innerlich und sind nicht notwendig durch gesellschaftliche Ächtung oder staatliche Zwangsgewalt gestützt. Die zweifelnde Stimme des Gewissens indiziert oft nur die Existenz eines Problems, nicht notwendig die sichere Verletzung einer Norm. Denn was diese Norm aussagt, ja, ob es sie überhaupt gibt, ist oft Teil des ethischen Dilemmas, in dem sich der Betroffene befindet; er fragt: Wie soll ich handeln?

          Das verständlich und flott geschriebene Büchlein der fünf Informatik-Autoren nähert sich den ethischen Problemen des eigenen Fachs, die diese Gewissensbisse verursachen können, in ebenso einseitiger wie erhellender Weise: Die Konflikte werden nicht aus einer lehrbuchmäßigen Theorie der Ethik deduziert, sondern als ungelöste Fallgeschichte entwickelt. Der Leser begegnet also den Herausforderungen der Informationsgesellschaft in vielfältigen Miniaturerzählungen mit stets offenem Ende.

          Konflikte im Netz

          Die standardisierenden Elemente sind dennoch erheblich: Es geht immer um das - konsequent subjektive - Erleben eines Konflikts, immer wird dieser Konflikt auf prototypische Interessen zurückgeführt, und es ist jemand in seiner professionellen Rolle als Informatiker oder als privater EDV-Nutzer gefordert, damit umzugehen. IT-Projekte stehen unter Zeitdruck, sind rücksichtslosen Profiterwartungen und nachvollziehbaren Sparzwängen ausgesetzt; ihren Auftraggebern fehlt der Sinn für Normübertretungen, sie verfolgen unerreichbare Ziele. Netzbewohner finden fehlerhafte Maschen, die verblüffende Einblicke in abgeschirmte Bereiche des Datenuniversums ermöglichen.

          Auch bevor er den mehrfach eingestreuten Hinweis gefunden hat, weiß der Leser, dass diese Fälle oft realen Vorkommnissen nachgebildet sind. Vorsätzlicher Datenklau oder -missbrauch, grob fahrlässige Sicherheitslücken im EDV-System und die erschreckenden Selbstüberschätzungen der Informationsgesellschaft bilden den narrativen Kern dieses Pitavals der Computergeneration in ihren ethisch zweifelhaften Seiten.

          Diskurs im Maschinenraum

          Mit der Publikation verknüpft sich der nicht selbstverständliche Anspruch, dass die Informatiker mehr sind als die unselbständigen Handlanger im Maschinenraum einer hochtechnisierten Gesellschaft. Im Gegenteil: Sie sollen die nicht-technischen Konsequenzen ihres Handelns reflektieren und mit ihrer Verantwortung für Technik umgehen lernen. Das heißt vor allem, sich der Komplexität der Probleme bewusst zu werden und die eigenen Handlungsmöglichkeiten so zu sondieren, dass Positionen begründbar und Argumente intersubjektiv formuliert werden. „Diskurse üben“ scheint das Motto für eine Zunft, die man sich von Haus aus vielleicht wenig diskussionsfreudig, aber sehr an „korrekten“ technischen Lösungen orientiert vorstellen darf.

          In den ethischen Konflikten aber helfen diese starren Richtigkeitsvorstellungen nicht weiter, oft geht es um delikate Abwägungen zwischen verschiedenen Gütern. Um diese Abwägungen zu strukturieren, bietet das Buch auf der formalen Seite plausible Schemata an, wie Konflikte analysiert werden können. Inhaltlich verweist es vielfach auf die im Anhang abgedruckten „Ethischen Richtlinien der Gesellschaft für Informatik“, die selbstregulierenden Normen der Datenarbeiter.

          Weitere Themen

          Der Weg aus der Falle

          FAZ Plus Artikel: Debatte zum EZB-Urteil : Der Weg aus der Falle

          Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Ankauf von Anleihen durch die Europäische Zentralbank wirft Fragen auf zur Politik in Zeiten der Globalisierung. Es zeigt aber auch: Die Demokratie lebt nicht vom Nationalstaat allein. Eine Replik auf Dieter Grimm.

          Unabhängigkeit durch rechtliche Kontrolle

          FAZ Plus Artikel: Urteil zur EZB : Unabhängigkeit durch rechtliche Kontrolle

          Die Kompetenz der EZB ist limitiert und die Einhaltung ihrer Grenzen unterliegt gerichtlicher Kontrolle. Die Unabhängigkeit der Zentralbank muss das aber nicht beschneiden. Im Gegenteil. Ein Gastbeitrag.

          Topmeldungen

          Tourismus : Schweiz buhlt um Deutsche

          Den Eidgenossen fehlen die ausländischen Gäste, vielen Hotels droht der Konkurs. Nun wollen sie bei deutschen Touristen punkten – mit praktischen und geldwerten Angeboten.
          Gut gelaunt mit amerikanischen Soldaten am Truppenstützpunkt Ramstein: Amerikas Präsident Donald Trump im Jahr 2018.

          Trumps Abzugspläne : Ein weiterer Tiefschlag

          Sollten Tausende amerikanische Soldaten Deutschland verlassen, würde das vor allem dem Pentagon selbst zu schaffen machen. Für das transatlantische Verhältnis aber verheißt es nichts Gutes.
          Nicht nur Gnabry (links) und Goretzka trafen für den FC Bayern in Leverkusen.

          4:2 in Leverkusen : Der FC Bayern ist eine Klasse für sich

          Die Münchner meistern die wohl größte Hürde, die auf dem Weg zum Titel noch zu nehmen war, mit dem klaren Sieg in Leverkusen souverän. Die fußballerische Perfektion erinnert an die besten Phasen unter Pep Guardiola.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.