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Debatte um Sterbehilfe : Ein gutes Töten kann es nicht geben

  • -Aktualisiert am

Der Triangelgriff an einem Bettgalgen eines Pflegebettes Bild: dpa

Ein Meilenstein im Projekt der Moderne? Die Ärzte Gerrit Hohendorf und Fuat Oduncu und der Philosoph Robert Spaemann argumentieren für ein Verbot der abrufbaren Suizidhilfe.

          Traktate über den Suizid gibt es in Fülle seit der Antike. Die Frage, ob Ärzte aus Mitleid oder auf Verlangen ihrer Patienten sollen töten dürfen, die aktive Sterbehilfe also, wurde erst im neunzehnten Jahrhundert unter dem Schlagwort Euthanasie verhandelt. Die Hilfe beim Suizid als Bestandteil des Portefeuilles ärztlicher Maßnahmen ist im Vergleich ein junger Sprössling der Debattenkultur. Das gilt trotz der seit 1751 in Deutschland geltenden Regelung der Straflosigkeit des Suizids. Aus rechtssystematischen Gründen kann die Beihilfe zu einer straflosen Handlung nicht sanktioniert werden, es sei denn, man schaffte einen eigenen Haupttatbestand.

          So weit, so gut - oder so schlecht. Denn wer die Unterstützung bei der Selbsttötung für eine schlechte Sache hält, dem geben Aktivitäten einiger Organisationen - vornehmlich Schweizer Provenienz - und von Einzelpersonen, die sich als Suizidhelfer einsetzen, Grund zur Besorgnis. Deren Angebote der Suizidassistenz unterscheiden sich im Blick auf die geforderten Voraussetzungen - etwa darin, ob die Suizidwilligen unheilbar krank sein müssen oder sie den Suizid einfach nur eben begehen wollen.

          Robert Spaemann, Gerrtit Hohendorf, Fuat S. Oduncu: „Vom guten Sterben“

          Der Gesundheitsminister will die geschäftsmäßige, auf Wiederholung ausgerichtete Hilfe beim Suizid verbieten. Ein Akt der Gefahrenabwehr, denn Suizidgefährdete durchleben stets eine Phase der Ambivalenz. Andere halten die abrufbare Suizidhilfe für einen Meilenstein im Projekt der Moderne. Die sich daraus entwickelnde Debatte hat mittlerweile einen Verlauf genommen, der die Rolle der Ärzte in den Mittelpunkt stellt. Die lehnen in Beschlüssen ihrer gewählten Vertreter die ärztliche Suizidhilfe ab. Das hat wiederum eine Gruppe von Parlamentariern bewogen, die ärztliche Suizidhilfe explizit zu liberalisieren.

          Rechtzeitig zur entscheidenden Lesung im Parlament legen drei profilierte Autoren ihre Sicht der Dinge dar. Der Münchner Psychiater Gerrit Hohendorf, der ebenfalls in einer Münchner Klinik arbeitende Krebsmediziner Fuat Oduncu und der Philosoph Robert Spaemann diskutieren die Assistenz beim Suizid. In ihrem Buch werden die Argumente mit erfreulicher konzeptioneller Klarheit behandelt. Denn noch immer ist die Auseinandersetzung in der breiten - auch akademischen - Öffentlichkeit von begrifflicher Unschärfe gezeichnet. Die Wahl der Begriffe zeitigt Festlegungen in normativer Hinsicht. In den Niederlanden etwa hat die Wortwahl einflussreicher Personen die öffentliche Meinung erheblich beeinflusst. Es waren die Verfechter der aktiven Sterbehilfe, die an einer überkommenen Nomenklatur, etwa an den Begriffen der passiven und indirekten Sterbehilfe, festhielten.

          Bedarf einer Grundierung

          Gleiches gilt hierzulande. Eine Klarstellung der Begriffe stellen die Autoren, die mit der Wirklichkeit in Kliniken vertraut sind, voran. Zudem machen sie den Leser mit den Ergebnissen aktueller Erhebungen zur Praxis der Hilfe beim Suizid in den Ländern bekannt, in denen sie rechtlich und gesellschaftlich akzeptiert ist. Die Zahl der Suizide nimmt dort ausnahmslos zu.

          In fünf abschließenden Thesen sprechen sich die Autoren gegen die institutionalisierte Hilfe bei der Selbsttötung aus. Ihre Überlegungen zum Umgang mit Suizidalität in der medizinischen Praxis lohnen die Lektüre auch für diejenigen, die darüber anders denken. Wer sich daranmacht, die Praxis der Medizin nachhaltig zu verändern, sollte wissen, was ansteht.

          Wenn etwa Ärzte, wie manche vorschlagen, Patienten in fortgeschrittener Krankheit bei der Selbsttötung sollen helfen dürfen, dann sind sie niemals nur ausführendes Organ des selbstbestimmten Subjekts. Die Umsetzung des Suizidwunsches ist immer, wie die Autoren zu berichten wissen, ein „sozialer Aushandlungsprozess“: Die Ärzte stecken mittendrin, müssen den Suizid gutheißen. Dass die Zurückweisung der Suizidassistenz einer Grundierung bedarf durch eine medizinische Praxis, die ihre Grenzen kennt und dem Sterben den gebührenden Raum belässt, beschreibt Robert Spaemann in seinem schon früher publizierten Aufsatz, den er aus Anlass der anstehenden Entscheidung aktualisiert hat. Sein Resümee: Es gibt kein gutes Töten.

          Wer in dieser Debatte Stellung bezieht, sollte nicht durch Schilderung von Fallgeschichten Mitleid erwecken. Es sind Gründe zu benennen und die der anderen zur Kenntnis zu nehmen. In dieser Hinsicht ist das Buch unverzichtbar. Parlamentspräsident Norbert Lammert hat recht: Es handelt sich bei der anstehenden Entscheidung um die bedeutendste der Legislaturperiode.

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