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Biographie über Joni Mitchell : Dieses perverse Bedürfnis nach Originalität

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Eher bürgerlich denn hillbilly: Joni Mitchell Bild: Picture-Alliance

Harmonische Gewandtheit braucht keine Theorie: David Yaffe legt ein einnehmendes und detailscharfes Porträt der Musikerin Joni Mitchell vor.

          4 Min.

          Im November 1953, kurz nach ihrem zehnten Geburtstag, wird Joni Mitchell mit Lähmungssymptomen in ein Krankenhaus nach Saskatoon geflogen. Kanada ist gerade von einer Polio-Epidemie heimgesucht worden, ein Impfstoff gegen das Virus wird schließlich erst anderthalb Jahre später erhältlich sein. Die Ärzte verschreiben der Patientin absolute Bettruhe, zu viel Bewegung könnte ein Leben im Rollstuhl bedeuten. Tagsüber, so wird Mitchell es später erzählen, sei der Krankenhausalltag noch erträglich gewesen, „aber nachts hörte man sie, die Eisernen Lungen. Dieses keuchende Atmen (...). Wenn die Krankheit auf die Lunge übergriff, dann kam man in die Eiserne Lunge, denn dann brauchte man diese maschinelle Hilfe. Und wenn man erst mal drin war, dann war es durchaus möglich, dass man nie wieder rauskam.“

          Mitchell kam raus. Ihre Beine und ihre Lunge blieben vorerst unbeschadet, auch wenn sie Letztere mit vier Schachteln Zigaretten am Tag bald noch genug malträtieren sollte. Zuvor hatte sie jedoch mehrere Monate stationärer Isolation durchzustehen, in denen ihre Eltern sie kaum besuchten. David Yaffe, Literaturwissenschaftler an der Universität von Syracuse, sieht in dieser Erfahrung den Ursprung von Mitchells einzelgängerischer Resilienz, einer lebenslangen Widerstandsfähigkeit gegen Autoritätspersonen, dominante Liebhaber oder Leute im Musikgeschäft.

          David Yaffe: „Joni Mitchell“. Ein Porträt. Aus dem Englischen von Michael Kellner. Mit einem Nachwort von Thomas Steinfeld. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2020. 583 S., geb., 28,– €.

          Als 1968 ihr Debütalbum „Song to a Seagull“ erschien, hatte Mitchell eine desaströse Ehe hinter sich, aus der sie nur einen Nachnamen mitnahm, sowie die Geburt einer Tochter aus einer früheren Beziehung – das zweite ihr Leben prägende Ereignis, wie in Liedern wie „Little Green“ und „Chinese Café/Unchained Melody“ zu hören ist. Mittellose Kunsthochschulabbrecherin, die sie war, hatte Mitchell das Kind zur Adoption freigegeben. Auf den Adoptionspapieren notierte man: „Mutter hat Kanada verlassen, um in den USA einer Karriere als Folksängerin nachzugehen.“ Sie wurde eine, aber sie wurde auch viel mehr: Malerin, Jazzmusikerin und Vorreiterin einer ganzen Popdekade.

          Wer braucht schon eine Tonika?

          „Ich habe ein perverses Bedürfnis nach Originalität“, sagt Mitchell, „Nachahmer interessieren mich überhaupt nicht. Ich bin kein Traditionalist.“ Und auch wenn die ersten Alben noch genau das waren, angelsächsisch befestigte Folktradition, folgten in den siebziger Jahren Klanglandschaften in Jazz-Farben mit Charles Mingus, Herbie Hancock und Jaco Pastorius, dessen Bass in „Refuge of the Roads“ und „Hejira“ Walstimmen gleich mitsingt.

          Yaffe erzählt Mitchells Leben als Paradebeispiel inspirierter Autodidaktik. „Von den Anfängen ihres Schreibens an“, so formuliert es James Taylor, „hat sie auf einer Leinwand gemalt, die sie selbst aufgezogen hat.“ Verblüfft liest man, dass Mitchell bis zu ihrem Album „The Hissing of Summer Lawns“ (1975), mit dem sie vollends den Folk-Sound hinter sich ließ, nicht recht wusste, was ein Grundton, was eine Tonika ist. Dabei war ihre harmonische Gewandtheit längst offenbar, man höre nur den rätselvollen Schlussakkord von „Case of You“ – ein Musik gewordener Gedankenstrich.

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