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David P. Boder: Die Toten habe ich nicht befragt : Als Begriffe für das Grauen noch fehlten

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Bild: Verlag

David P. Boder befragte 1946 Überlebende der deutschen Vernichtungspolitik: Nun liegt eine Auswahl seiner Interviews zum ersten Mal auf Deutsch vor.

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          Abraham Kimmelmann war vierzehn Jahre alt, als er von deutschen Besatzungstruppen aus seiner Heimatstadt Dabrowa Górnicza in das Durchgangslager Sosnowitz verschleppt wurde. Kurz nach seiner Ankunft traf eine weitere Gruppe jüdischer Jugendlicher ein; die Mädchen bezogen das Erdgeschoss, die Jungen wurden in den oberen Stockwerken untergebracht. Das Gefühl, nach ungewissem Transport in Viehwaggons endlich in einem echten Gebäude angekommen zu sein, mag Hoffnung bei den Neuankömmlingen geweckt haben.

          Vielleicht war es auch nur ein Rest jugendlicher Unbekümmertheit, der eines der Mädchen dazu verleitete, sich in den zweiten Stock zu stehlen, wo sie ihren Geliebten vermutete. Es gab keine schlechtere Zeit und keinen schlechteren Ort, um sich auf tiefe Empfindungen zu verlassen. Der Lagerführer erwischte die junge Frau und schlug ihr mit der Peitsche die Augen aus. Das geschah 1942. Vier Jahre später erzählte Abraham Kimmelmann: „Das habe ich selbst gesehen. Und ich habe gedacht, das sei schon das Schlimmste. Und ich habe mir damals nicht vorstellen können, dass es noch etwas Schlimmeres gibt. Obwohl bis damals habe ich immer gedacht, das sei schon das Schlimmste . . . Aber nachher habe ich eben herausgefunden, dass es noch so viel Stufen über diesem gibt, dass man es sich gar nicht vorstellen kann.“

          Er ließ so viele zu Wort kommen

          Man kennt diese Geschichte und kennt sie doch nicht. Man weiß: Totgeschlagen wurde täglich. Die Leichen türmten sich zu Bergen, weil die Krematorien nicht mit dem Verbrennen nachkamen. Es ist bekannt, dass solches in der eigenen Nachbarschaft geschah, ausgeführt und erlitten von Menschen, die vertraute Familiennamen trugen. Als aber Abraham Kimmelmann davon erzählte, war er gerade achtzehn Jahre alt und hatte ein Viertel seines Lebens in Lagern zugebracht. Seine Berichte aus Sosnowitz und Buchenwald gehören zu den frühesten überlieferten Erinnerungen an den Holocaust - so früh, dass der Ausdruck Erinnerung fast wie ein böser Scherz wirkt.

          Dass man Kimmelmanns Schilderungen heute lesen kann, ist David P. Boder zu verdanken, einem amerikanischen Psychologen litauischer Herkunft, der im Sommer und Herbst 1946 durch Europa reiste, um Überlebende der deutschen Vernichtungspolitik zu befragen. Ausgestattet mit einem Drahttonaufnahmegerät der Marke Pierce, zweihundert Spulen Karbonstahldraht und einem Sortiment von Kabeln und Stromkonvertern, besuchte Boder sechzehn Sammellager in Frankreich, Italien, Deutschland und der Schweiz. Siebzig „Displaced Persons“ ließ er in hundertdreißig Gesprächen zu Wort kommen.

          KZ bedeutet Konzentrationslager?

          Fünfundsechzig Jahre später sind acht von Boders Interviews auch in der Sprache erschienen, in der die meisten von ihnen geführt wurden: auf Deutsch. Es ist ein irritierendes, gewaltsam gebrochenes Deutsch, das man hier zu lesen bekommt. Wenig Zeit ist vergangen zwischen Erlebnis und Erzählung; die Berichte klingen wie übermittelt aus einer sprachlichen Transitzone, die noch diesseits aller öffentlichen Zurichtung liegt. Boder war sich der Einzigartigkeit des historischen Augenblicks durchaus bewusst. Von Lager zu Lager reisend, beschränkte er seinen Aufenthalt pro Ort auf höchstens zwei Tage, weil die Geschichten danach, wie er schrieb, „anfingen, Anzeichen von Vorbereitung zu zeigen“.

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