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David Millar mit Jeremy Whittle: Vollblutrennfahrer : Wie man seinen Körper zum Werkzeug macht

Anders als die meisten seiner Kollegen hat er sich und dem Publikum Rechenschaft abgelegt: David Millar Bild: REUTERS

Der schottische Radprofi David Millar war ganz oben, als er wegen Dopings gesperrt wurde. Er hat noch einmal angefangen und erzählt seine Bußgeschichte in „Vollblutrennfahrer“. Ein Buch jenseits der üblichen Schönfärberei.

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          Genau auf halber Strecke kommt das Buch zum Punkt: David Millar gibt seinen Widerstand gegen das Dopen auf. Der Sündenfall wird als „professionelle Entscheidung“ geschildert. Millar soll sich in Italien einer EPO-Kur unterziehen, um den Prolog der Spanien-Rundfahrt zu gewinnen und so den unzufriedenen Sponsor Cofidis wieder mit dem Team zu versöhnen. Millar ist an diesem Punkt seiner Laufbahn so waidwund, dass er einwilligt und sich in der Toskana von einem Team-Kollegen - den Namen nennt er nicht - in die Welt des Dopings ziehen lässt. Danach gewinnt er tatsächlich wie geplant die erste Etappe der Vuelta und tröstet sich selbst: „Ich hatte lediglich meine beruflichen Pflichten erfüllt.“

          Hannes Hintermeier

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Millar erzählt seine Geschichte in aller Ausführlichkeit. Geboren 1977 auf Malta, ist er von Abstammung her Schotte. Seine Kindheit und Jugend verbringt er als Scheidungskind zwischen Hongkong, wo der Vater nach seiner Airforce-Zeit als ziviler Pilot arbeitet, und englischen Internaten. Dort entdeckt er nach Anfängen mit dem Mountainbike den Straßensport. Im Alter von neunzehn Jahren zieht er ohne Sprachkenntnisse und Geld nach Frankreich, um eine Amateurlizenz zu ergattern, denn er will Profi werden.

          Sein Aufstieg verläuft kometenhaft. Bald ist der begabte Zeitfahrer als Helfer beim Profiteam Cofidis unter Vertrag, und sogleich begegnet ihm die Selbstverständlichkeit, mit der dort Kortison-Doping betrieben wird. „Alle hatten ihren kleinen Medikamentenkoffer mit ihren Spritzen und Ampullen dabei. Sich selbst eine Spritze zu setzen war das Normalste der Welt.“ Millar wehrt sich, will mit dem „Dreck“ nichts zu tun haben, obwohl er häufig hört: Gut gemacht, du warst heute der beste saubere Fahrer.

          Die Einsamkeit des Athleten

          Gleich bei seiner ersten Tour de France fährt er am ersten Tag ins Gelbe Trikot. Bald hat er einen millionenschweren Vertrag in der Tasche, ein Haus in Biarritz und das Jetset-Leben eines international anerkannten Spitzensportlers. Hinter der Fassade, die er für Realität hält, kennt er die Einsamkeit des Athleten, der sich immer wieder selbst besiegen muss, die unmenschliche Quälerei auf dem Rad.

          David Millar mit Jeremy Whittle: „Vollblutrennfahrer“. Meine zwei Leben als Radprofi.
          David Millar mit Jeremy Whittle: „Vollblutrennfahrer“. Meine zwei Leben als Radprofi. : Bild: Verlag

          Für einen intellektuell aufgeschlossenen Burschen ist das Peloton auf Dauer kein Ort zum Leben - auch das wird ihm, der gerne liest, ja Bücher verehrt, schmerzhaft bewusst. Der englische Titel „Racing Through The Dark“ bringt die Paradoxien und Abgründe einer solchen Existenz besser zum Ausdruck als die deutsche Übersetzung. Aber die Natur hat es mit David Millar wohl so gemeint, weil sie ihm ideale körperliche Voraussetzungen für seinen Beruf spendierte. Ein paar Jahre hält er als Saubermann an der Weltspitze durch, aber die Wut darauf, ständig von Dopern betrogen zu werden, wächst. Es ist die Zeit, in der flächendeckend mit EPO gedopt wird, jenem Mittel, „das einen Esel in ein Rennpferd verwandelt“, wie ihm sein Kollege Bobby Julich erklärt.

          An die zehn Jahre dauert es, bis ein aussagekräftiger Test entwickelt ist, um das Blutdoping nachzuweisen. Erythropoietin ist nicht das einzige Mittel, mit dem sich die rollende Apotheke selbst medikamentiert, Testosteron, Amphetamine, Schlafmittel und Kokain sind nur die gängigsten unerlaubten Hilfsmittel, um punktgenau zu großen Rennen wundersame Leistungen abzurufen.

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