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Buch über Insekten : Sechsbeinige Helfer im Mordfall

  • -Aktualisiert am

Als Rohstofflieferant domestiziert: ein Seidenspinner (Bombyx mori), der es über das Larvenstadium hinaus geschafft hat Bild: ddp/Philippe Blanchot/hemis

Gegen sie war sogar Napoleon chancenlos: David MacNeal erzählt unterhaltsam von Insekten und ihrer Bedeutung für den Menschen.

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          Populäre Bücher über die unterschiedlichsten Tiergruppen erleben seit Jahren große Erfolge. Wenn man diejenigen Organismen identifizieren sollte, denen das meiste Interesse entgegengebracht wird, sind es die Insekten. Nun ist ein weiteres Buch über sie erschienen, geschrieben von dem amerikanischen Wissenschaftsjournalisten David MacNeal.

          Der Titel der Originalausgabe von 2017 ist zu Recht weiter gefasst: „Bugged. The Insects Who Rule the World and the People Obsessed With Them“. Es geht um Insekten und insbesondere um deren vielfältige Einflüsse auf uns Menschen; und es geht um Menschen, die sich enthusiastisch mit Insekten befassen und befasst haben.

          Aufklärung von Verbrechen

          Um ein Buch über die artenreichste Tiergruppe unserer Erde auf weniger als vierhundert Seiten zu begrenzen, muss dem Zwang zur Auswahl nachgegeben werden. In zehn Kapiteln, die dem Autor im thematischen Zusammenhang als besonders „sexy“ erschienen sind, kommen unter anderem diese Aspekte zur Sprache: das Bienensterben (darf nicht fehlen), Wanzen und Flöhe (sind auf dem Vormarsch), das Sexleben der Insekten (ist so vielfältig wie die Tiergruppe selbst), Insekten als Rohstofflieferanten für medizinische Zwecke und als Nahrungsmittel (lässt für die Zukunft Großes erwarten), Insekten als Helfer bei der Aufklärung von Verbrechen (ein neues Fachgebiet innerhalb der Insektenkunde) oder die Welt der Ameisen (ist nicht weniger faszinierend als das Leben der Honigbienen).

          David MacNeal: „Planet der Insekten“. Zu Besuch bei den wahren Herrschern der Erde.
          David MacNeal: „Planet der Insekten“. Zu Besuch bei den wahren Herrschern der Erde. : Bild: Aufbau Verlag

          MacNeal hat gründlich recherchiert, wenn ihm auch hin und wieder Irrtümer unterlaufen, welche bei jemandem, der kein Insektenkundler ist, erwartbar sind. So wird wohl eher nur dem Fachmann und gebildeten Laien auffallen, an welchen Stellen auch Nichtinsekten als Mitglieder dieser Gruppe durchgehen.

          Käfer im Munde

          Der Leser erfährt, wie wichtig Insekten für die Aufklärung von Verbrechen sein können, und wird dabei in die „Unterwelt“ der Insektenkunde entführt, konkret: auf ein mehrere Hektar großes Gelände in Texas, auf dem eingezäunt und gut bewacht die Insektenlebewelt auf dort abgelegten oder vergrabenen menschlichen Leichen erforscht wird. Die zeitliche Abfolge der aufgefundenen Insekten hilft dabei, den Todeszeitpunkt von Mordopfern recht genau zu bestimmen, auch wenn andere Methoden versagen.

          Es wird nicht jedermanns Sache sein, sich im Detail darüber aufklären zu lassen, welche Insekten man auf welche Art und Weise für den menschlichen Speiseplan zubereitet und welche Empfindungen Käfer im Munde auslösen können. Es ist aber auch von Angenehmerem zu lesen. So bei der Vorstellung des Seidenspinners, dessen Raupen den Kokon für ihre Verpuppung aus einem nahezu einen Kilometer langen Seidenfaden aufwickeln.

          Um Unterhaltung bemüht

          MacNeal breitet um die Fakten über die vorgestellten Insekten ausgiebig Geschichten und Geschichte aus. Festgemacht an bedeutenden historischen Ereignissen, wie etwa verlorenen Kriegen unter Alexander dem Großen oder Napoleon, bei denen durch Insekten übertragene Krankheitserreger entscheidende Wirkung entfalteten.

          Bemerkenswert ist ein durchgehend flapsig-ironischer Unterton, der nach der Lektüre den nachhaltigsten Eindruck hinterlässt. So werden Zitate aus den Werken des bedeutenden Ameisenkundlers und Begründers der Soziobiologie, Edward O. Wilson, jeweils eingeführt mit „aus dem Evangelium E.O.“, und man bleibt ratlos, ob so besonderer Respekt ausgedrückt werden soll – oder gerade nicht. Der Stil wirkt an vielen Stellen mehr um Unterhaltung bemüht, als es nötig gewesen wäre. Denn schreibt man über Insekten, hat man es ohnehin leicht, die Leser zu interessieren, schließlich gibt es viel Überraschendes von ihnen zu berichten.

          Insgesamt ist das Buch informativ. Es lässt an keiner Stelle den Verdacht aufkommen, es würde sich allzu ernsthaft in die Insektenkunde vertiefen, und ist wohl gerade deshalb für eine Leserschaft geeignet, die auch einmal über andere Insekten als die Bienen Interessantes erfahren möchte.

          David MacNeal: „Planet der Insekten“. Zu Besuch bei den wahren Herrschern der Erde. Aus dem Englischen von Matthias Frings. Aufbau Verlag, Berlin 2020. 363 S., geb., 24,– €.

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