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Geschichte des Computers : Als die Welt neu formatiert wurde

Mächtige Rechner, doch Papier und zuschaltbare Experten im Hintergrund waren nicht minder wichtig: das Mission Control Center in Houston 1968 beim Flug von Apollo 8, an dem David Gugerli die Synchronisierung von Computer und Welt vorführt, deren Emblem das von den Astronauten aufgenommene und rechts eingespielte Bild der Erde ist. Bild: NASA

Vom Prozessor zum Netzwerk zum PC: David Gugerli zeichnet nach, wie die Computer sich unersetzlich machten, und erzählt unter anderem, warum die Franzosen ein eigenes Wort dafür bekamen.

          Im Frühjahr 1955 wandte sich die französische Niederlassung von IBM ratsuchend an einen Altphilologen. Er sollte doch bitte darüber nachdenken, wie sich eine neue Maschine bezeichnen lassen könnte. Ein kommerzielle Maschine, die nicht mehr für Wissenschaftler oder Militärs gedacht war mit ihren Differentialgleichungen, Verschlüsselungen und aufwendigen numerischen Verfahren, sondern die als Universalmaschine für die Verarbeitung von Informationen aller Art antrat. Die Antwort von Jacques Perret kam schnell und führte letztlich dazu, dass die Franzosen (wie auch die Spanier) um die Einbürgerung des englischen „Computer“ herumkamen und dem „ordinateur“ den Vorzug gaben – eigentlich ein Adjektiv, das der Philologe in Littrés Wörterbuch entdeckt hatte, wo es als Bezeichnung für die Tätigkeit Gottes belegt war. Mit der Feminisierung zu „ordinatrice“ würde man überdies diesen theologischen Hintergrund loswerden, fügte Perret damals noch an. Aber der gefiel den Managern von IBM vielleicht sogar, jedenfalls blieb es bei der männlichen Form.

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton.

          Diesen Hintergrund einer Namensfindung berührt David Gugerli, Technikhistoriker an der ETH Zürich, ziemlich am Beginn seines Essays über die „Entstehung digitaler Wirklichkeit“. Was er in ihm ins Auge fasst, ist die Geschichte der Computer seit den fünfziger Jahren, von Remington Rands 1951 vorgestelltem UNIVAC (Universal Automatic Computer) bis zu den frühen neunziger Jahren, als zu den Legionen von Servern auch bereits die PCs gekommen waren. Er fasst sie bündig als die Geschichte eines schrittweisen Umzugs der Welt in den digitalen Raum, in die black boxes der Computer. Von Unternehmen über staatliche Verwaltungen bis zur privaten Lebensführung und Kommunikation ist schließlich alles auf die Computer gekommen. Nichts scheint uns mittlerweile selbstverständlicher.

          Interessante Stolperei

          Populären Geschichten der Computer gerät diese Entwicklung schnell zur Darstellung eines ziemlich stolperfreien Siegeszugs, in dem sich zündende Ideen mit unternehmerischem Einsatz verknüpften. Gugerli aber interessieren gerade die Stolpereien, an denen sich ablesen lässt, dass diese Geschichte auf keinen gebahnten und glatten Wegen verlief. Er erzählt an ausgewählten Beispielen dieser Entwicklung von den Schwierigkeiten und Engpässen und den Debatten darüber, wie diese Probleme aufgelöst werden sollten, um die an die Maschinen geknüpften Versprechungen (doch noch) einzulösen.

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          Wozu am Rande eben auch die Geschichte von der französischen Namensgebung gehörte. Sie war keine Marotte der IBM-Manager, sondern zielte darauf, den Kunden gleich deutlich zu machen, dass es nun nicht mehr ums Rechnen ging, mit dem die Computer bisher beeindruckt hatten, sondern um universal angelegte Datenverarbeitung, die vor allem mit Sortieren, Klassifizieren und Entscheiden einherging. Selbst wenn man dafür auch darauf hätte hinweisen können, dass die elektromechanische Berechnung von Flugkurven oder kritischen Uranmassen im Grunde auch nichts anderes war als das Vergleichen von klassifizierten Registereinträgen mit anschließender Entscheidung über einen neuen Eintrag.

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