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David Graeber: Direkte Aktion : Lasst uns hintreten vor die Polizisten, auf dass die Maske des Kapitals falle

Bild: Nautilus

Ohne Theorie muss sich doch auch etwas bewegen lassen: David Graeber, Galionsfigur der Occupy-Bewegung, erläutert sein Verständnis von direkter Aktion.

          Der Anarchist ist vor allem ein Mann der Tat. Anders als der Marxist meidet er das hierarchisch strukturierte, auf ein Dogma ausgerichtete Kollektiv. Seine Aktionen haben meist keine geschlossene Theorie oder geschichtsphilosophische Sendung im Rücken. David Graeber, der intellektuelle Star der Occupy-Bewegung, nennt den Anarchismus weniger ein analytisches als ein moralisches Projekt, das als einheitliche Denkströmung kaum zu greifen sei und das er deshalb an der Graswurzel zu packen versucht.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Die „Direkte Aktion“, so der Titel seines Buches, das jetzt mit einiger Verspätung in deutscher Ausgabe erscheint, ist dieses Wurzelwerk des Anarchismus. Sie meint den Versuch, ohne Zwischeninstanzen auf die Dinge einzuwirken, durch Blockaden, Proteste, Streiks. Anders gesagt: Man fragt nicht das Ordnungsamt, bevor man ein Haus besetzt. Man tut es einfach.

          Occupy ist kein digitales Konzentrat

          Dem Anarchisten ist der Weg über die Institutionen versperrt, weil er deren Legitimität prinzipiell bezweifelt. Die Politik gilt ihm als eine von wenigen Reichen gekaufte Scheinveranstaltung, die von einer autoritätshörigen Medienlandschaft gestützt wird. Graeber räumt ein, dass seine Ausführungen vor allem von der amerikanischen Perspektive bestimmt sind.

          Während die Zeltlager in den Innenstädten längst abgebaut sind, werden von Graeber zurzeit immer weitere Bücher auf den Markt gespült. Hatte er in „Inside Occupy“ vor kurzem noch aus dem Innenleben des Protests berichtet, so geht er in „Direkte Aktion“ weiter zurück und legt einen historisch fundierten Einblick in die Strukturen und Akteure der anarchistischen Bewegungen vor. Nebenbei erledigt sich hier die These, es habe sich bei den Occupy-Protesten um eine völlig neuartige, aus dem digitalen Schaum geborene Protestform gehandelt.

          Alternative zur Repression

          Nach Graeber hat sich der Anarchismus als globale Bewegung schon seit dem zapatistischen Aufstand in Mexiko 1994 neu formiert. Er drang an die Oberfläche, als die großen sozialistischen Systeme zerbrachen.

          Graeber schrieb das Buch in der Hochphase der globalisierungskritischen Bewegung um die Jahrtausendwende. Inzwischen ist die Szene um die ernüchternde Erfahrung der Occupy-Bewegung reicher und hat sich auf den exemplarischen Protest verlegt. Man versteht sich als Alternative zu einer repressiven Ordnung und setzt auf die Überzeugungskraft des eigenen Beispiels.

          Der anarchistische Protest ist keine Krawallmacherei

          Was den Anarchismus im Inneren zusammenhält, sind Prinzipien wie Hierarchiefreiheit, Autonomie und Solidarität. Das Unkoordinierte und Ziellose in den anarchistischen Aktionen hat also ein gewisses System. Entscheidend ist für Graeber aber nicht der Erfolg, sondern die Treue zum Konsensprinzip. Über den langwierigen Prozess, der zu den einstimmigen Entscheidungen führt oder eben auch nicht führt, wurde viel gespottet.

          Graeber beschreibt die Einschulung in die Konsensdemokratie mit Akribie. Viel liegt ihm an der Beseitigung der Vorurteile, der anarchistische Protest sei reine Krawallmacherei oder eine Elitenbewegung reicher weißer Kinder, die sich vermummen, um von Papi und Mami nicht auf dem Bildschirm gesehen zu werden. Insgesamt dominiert in der Szene ein kultivierter Verhaltensstil. Viele Aktivisten kommen aus Schreibberufen. Den Protest halten die meisten nur wenige Jahre durch. Viele geraten erst in eine Phase des Hochgefühls, um später, nach verlorenen Illusionen, ausgebrannt in ihr früheres Leben zurückzukehren.

          Durch sein aktivistisches Ethos ist der Anarchismus gefeit gegen die resignative Diagnose linksakademischer Intelligenz, die kapitalistische Ordnung könne nicht mehr bekämpft werden, weil schon alle Wünsche und Hoffnungen in ihr steckten. Er hält es eher mit dem Situationismus: durch improvisierte Aktionen „Löcher in die Realität schneiden“ und das versteckte Gewaltpotential des Gegners durch friedliche Provokation herauslocken.

          Wie hält es der Anarchismus selbst mit der Gewalt? Laut Graeber ist sie nicht Regel und Ziel. Für die meisten liegt bei der eingeworfenen Schaufensterscheibe die Grenze der Militanz. Das Eigentum eines Einzelhändlers darf mehr Rücksicht erwarten als das einer Kette. Auch der schwarze Block sei nicht der nihilistische Gewaltmob, für den er gehalten werde, sondern eine lose koordinierte, undogmatische Bewegung. Trotzdem gilt er vielen, dem Autor wohl inklusive, als Inbegriff der anarchistischen Freiheitserfahrung. Die Brutalität bringt bei Graeber immer die Polizei ins Spiel, die durchgängig als Brigade des Bösen erscheint. Passagenweise trübt die teilnehmende Perspektive des Autors den Blick.

          Kein Gegenentwurf

          Das Buch ist aber keine zornige Anleitung zur Revolte, sondern ein anschaulicher, nur manchmal selbst etwas schwach strukturierter Basisbericht. Graeber beginnt als teilnehmender Beobachter und mischt im Verlauf des Buchs immer häufiger seine politische Agenda zwischen die Zeilen. Sparsam bleibt er mit Ausblicken auf alternative Gesellschaftsordnungen, die über den Aktionsradius selbstorganisierten Gruppenlebens reichen. Wie das Konsensprinzip ohne institutionelle Hilfe auf ganze Gesellschaften übertragen werden soll, bleibt ein Rätsel.

          Der Feminismus ist für Graeber das ermutigendste Beispiel für das Potential einer Bewegung von unten, aber auch er hat institutionelle Ankerpunkte. Die größte Gefahr für den Anarchismus ist heute wohl, dass die „Neuerfindung des täglichen Lebens“ im Alltagsimpressionismus steckenbleibt. Im Occupy-Lager verschlang am Ende die Lagerhygiene die letzten Ressourcen.

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