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: Das Wunder Hape Kerkeling

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Am Ende der Lektüre von Hape Kerkelings Bestseller "Ich bin dann mal weg" weiß man zwar nicht mehr über das Leben als vorher. Aber man ist neugieriger geworden, etwas darüber herauszufinden. Anhand des Buches "Ich bin dann mal weg" von Hape Kerkeling hat man mal wieder sehr schön beobachten können, wie die "Bild"-Zeitung arbeitet.

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          Am Ende der Lektüre von Hape Kerkelings Bestseller "Ich bin dann mal weg" weiß man zwar nicht mehr über das Leben als vorher. Aber man ist neugieriger geworden, etwas darüber herauszufinden. Anhand des Buches "Ich bin dann mal weg" von Hape Kerkeling hat man mal wieder sehr schön beobachten können, wie die "Bild"-Zeitung arbeitet. Irgendwo in diesem 344 Seiten starken Buch, in dem eine Person, die wir alle aus dem Fernsehen kennen, etwas Autobiographisches erzählt, kommt auch eine Episode vor, in der der Autor der Frage nachgeht, ob er vielleicht schon einmal ein früheres Leben hatte. Er tut dies skeptisch, vorsichtig, neigt eher dazu, es nicht zu glauben, konstatiert aber, daß er während einer "Rückführung", die er vor ein paar Jahren interessehalber einmal mitgemacht hat, plötzlich Bilder im Kopf hatte, von denen er nicht wußte, woher sie stammten. Bilder von Orten und Menschen, die er nicht zu kennen meinte, die aber ganz plötzlich da waren. Bilder aus einer anderen Zeit. Im Buch umfaßt diese Episode vier Seiten. Wer sie liest, hat nicht den Eindruck, daß Hape Kerkeling den Verstand verloren hat. Wer von dieser Episode aber durch die "Bild"-Zeitung erfuhr, mußte das annehmen. "Hape Kerkeling: Ich wurde im Zweiten Weltkrieg erschossen" war dort in großen Buchstaben auf der Titelseite zu lesen. Ein paar Seiten weiter gab es Berichte wie "Diese Promis haben auch schon mal gelebt" oder "Wiedergeburt - Bild-Leser berichten über ihr erstes Leben". Und, irgendwas bleibt ja immer hängen, man wäre versucht gewesen, Hape Kerkeling fortan für einen Spinner zu halten - hätte man sein Buch nicht gelesen.

          Es ist das Tagebuch einer Pilgerreise, die er vor einigen Jahren unternommen hat. Anscheinend, das erzählt er jedenfalls, ging es ihm damals nicht sonderlich gut.

          Also beschloß er, wie Abertausende andere Menschen dies jedes Jahr tun, den berühmten Jakobsweg quer durch Spanien nach Santiago de Compostela zu wandern, fast achthundert Kilometer sind es, die man dabei zu Fuß zurücklegt, und genau das tat Hape Kerkeling, als einer unter vielen. Er schummelte hier und da, nahm für eine kurze Strecke den Bus oder ein Taxi, und beschloß nach einem ersten Übernachtungsversuch in einer Sammelherberge, daß man sich beim Pilgern ja nicht immer quälen müsse und schlief von da an in Hotels - ansonsten verhielt er sich wie all die anderen auch, die an irgendeinem Punkt im Leben entscheiden, daß es so nicht weitergehen kann, und ihren zukünftigen Weg nun im Gehen finden wollen. Und einen Nerv scheint Kerkeling mit seiner Geschichte ja getroffen zu haben: "Ich bin dann mal weg", erschienen im Malik-Verlag, ist das erfolgreichste Buch des Jahres, es hat sich seit seinem Erscheinen im Mai mehr als eine Million Mal verkauft und hält sich seit Monaten auf Platz eins der Spiegel-Bestsellerliste.

          Hape Kerkeling, der Mann, der sein Geld damit verdient, in der Öffentlichkeit als Königin Beatrix verkleidet aufzutreten oder Politikern bei Pressekonferenzen sehr freche Fragen zu stellen; der Mann, der im Fernsehen jüngst eine Show moderiert hat, in der alphabetisch etwas weiter hinten angesiedelte Prominente Standard-Tänze lernten, und der sich mit falschem Gebiß und dicken Brillengläsern regelmäßig als Vertreter der Unterschicht in Hochglanz-Shows begibt und das Publikum in dieser Rolle als "Horst Schlemmer" mit platten Zoten und wieherndem Lachen aus dem Schlaf reißt, in den es Beckmann/Kerner eben kunstvoll hineinmoderiert hatten, dieser Mann hat das Buch geschrieben, von dem Ulrich Wickert immer geträumt hat: ein Buch über Moral, das die Masse versteht.

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