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: Das wilde Werben

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In den letzten Septembertagen des Jahres 1904 kam ein Fremder am Bahnhof von Guthrie in Oklahoma an. In der Tasche hatte er ein Empfehlungsschreiben für den Redakteur einer örtlichen Zeitung. Doch als er bei dem aufkreuzte, gab es Ärger, denn auch das Konkurrenzblatt wollte was von dem berühmten Gast, einem deutschen Professor.

          In den letzten Septembertagen des Jahres 1904 kam ein Fremder am Bahnhof von Guthrie in Oklahoma an. In der Tasche hatte er ein Empfehlungsschreiben für den Redakteur einer örtlichen Zeitung. Doch als er bei dem aufkreuzte, gab es Ärger, denn auch das Konkurrenzblatt wollte was von dem berühmten Gast, einem deutschen Professor. Jedenfalls zogen die Männer ihre Waffen und begannen aufeinander zu schießen. Max Weber schnappte sich sein Gepäck und nahm den nächsten Zug aus dem Wilden Westen in die Zivilisation. Die Schießerei - bei der niemand verletzt wurde - kam dann irgendwie in die Zeitung, so erfuhr seine Mutter im fernen Deutschland von den Abenteuern, die der berühmte, schwierige Sohn in Amerika bestand. Weber selbst hat die Szene nie erzählt, sein eiliger Abgang war ihm wohl zu unheroisch.

          Max Weber im Western: Die Wiederentdeckung solcher Szenen ist es, die Joachim Radkaus Weber-Biographie zu einer so verblüffenden, atemberaubenden Lektüre macht. Wer sich Weber immer noch als den kühlen Theoretiker von Rationalisierung und protestantischer Ethik vorstellt, als den konzisen, werturteilsfreien Polyhistor, der immer so streng wirkt und schreibt, der wird aus dem Staunen nicht mehr herauskommen.

          Erstaunlich ist zuerst einmal, daß sich jemand überhaupt daranmacht, so ein Buch zu schreiben, denn es ist ja wissenschaftlicher Wahnsinn. Schon allein die Felder zu übersehen, auf denen Weber gearbeitet hat, dauert Jahre. Dazu kommt die stündlich, exponentiell und global anwachsende Weber-Forschung, die Arbeiten und Deutungen seiner späten Schüler - Programm für weitere Jahre -, und dann waren wir noch gar nicht bei Webers Kollegen und Zeitgenossen, den Frauen, der Krankheit, den Reisen oder der Politik, jedes Thema Stoff für eigene Bücher. Kein Wunder, daß Radkau gezögert hat.

          Als er sich im Frühjahr 2000 in Berlin-Dahlem einen Eindruck vom Weber-Nachlaß verschaffen will, wohnt er in einem Hotel namens "Wilder Eber" und unterschreibt geistesabwesend nicht mit Radkau, sondern mit W. Eber. Er nimmt es als Wink des Schicksals, den Verlagsvertrag abzuschließen. Der Preis war beträchtlich: Mehrere Monate lang plagte den Autor eine Depression, die jener Max Webers sehr ähnlich sah. Gegenüber seiner Frau, der die Identifikation mit dem Gegenstand des Buchs unheimlich wurde, betonte er immer wieder "Ich bin nicht Weber." Allerdings: Schon so einen Satz äußern zu müssen ist auch nicht gerade ein Anzeichen psychischer Topform.

          Am Beginn steht der Entschluß, Max Weber von seinem einschüchternden, auch etwas opaken und langweiligen Status als Zitierchampion zu erlösen. Treffend beschreibt Radkau, wie akademische Lehrer ihre Studierenden ermahnen, um Weber "kommt man nicht drumherum", was ihn und sein Werk als Hindernis beschreibt, nicht als Motor. Überhaupt sei, schreibt er im Vorwort, die ganze heutige Sozialwissenschaft nur noch pure Seminarluft, "in einem Maße wie noch nie ist die Fülle der Wirklichkeit, die Leibhaftigkeit der Lebenserfahrung aus dem Wissenschaftsbetrieb verdrängt". Weber hingegen erinnere daran, was Wissenschaft sein kann: ein spannungsvolles Ringen zwischen einer Überfülle von Leben und einem kalt sezierenden Verstand, nicht nur ein Trick, um sich in diverse Diskurse einzuklinken und sich als Experte wichtig zu tun. Und deshalb gehe es in dem Buch darum, die Natur, also etwa die körperliche Verfassung eines Max Weber, wieder zu seinen Texten in Beziehung zu setzen.

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