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: Das wilde Werben

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Minutiös rekonstruiert Radkau den erotischen Reigen in Heidelberger Akademikerkreisen, wie sich zunächst Marianne Weber in Else Jaffé verliebt, die in der Ehe ein Kind von ihrem Liebhaber Otto Groß zur Welt bringt, dann einem Chirurgen hörig wird, später zur Lebens- und Liebesgefährtin von Alfred Weber wird, bevor sie endlich Max erlösen darf. Zwischenzeitlich wirkt es so, als sei Radkau selbst in Else Jaffé verliebt, einer der ersten Frauen, die in Deutschland promoviert haben. Wenn er von ihrer erotischen Imagination, ihrer Eleganz und Coolness schreibt, ist das ein wandelndes Gegenbeispiel für die Annahme, Verstandesmenschen könnten nicht zugleich ein ausschweifendes Sexualleben und einen guten Schlaf haben. Noch in den größten Krisen bewahrte Else sich die Fähigkeit, erst einmal schlafen zu gehen.

Radkau besitzt auch ein gutes Gespür für die schwierigen kollegialen Beziehungen, die Weber zu seinen berühmten Zeitgenossen unterhielt. Zu den schönsten Passagen des Buchs gehört die Schilderung der zarten, bei aller offenen Konkurrenz von Nachsicht und Einfühlungsvermögen geprägten Beziehung Webers zu Werner Sombart, dem so vieles so leicht fiel, womit Weber sich quälte.

Doch es gibt noch einen weiteren Schauplatz des Buches, einen, der nicht explizit gemacht wird, es ist das Bielefeld der letzten Jahrzehnte, wo Radkau als Professor gewirkt hat. Zwar wurde er einem breiteren Publikum als Autor einer spannenden Geschichte des "Nervösen Zeitalters von Bismarck zu Hitler" bekannt und gilt in Kreisen der Umwelt- und Technikgeschichte längst selbst als Klassiker, doch zum engeren Kreis der Bielefeld School hat er nie gezählt. Wie muß sein Buch dort wirken, wo man sich gern mit Max Weber gegen Michel Foucault wappnete, dessen Teilnahme an schwulen Sadomasopartys in Berkeley immer irgendwie gegen ihn sprach? Und nun wird Max Weber als einer dargestellt, der zwischen Wahnsinn und Perversion hin und her taumelte? Stoff für erregte Debatten während der langen Winternächte am Teutoburger Wald.

Doch es ist, neben den von Radkau dargestellten Prozessen und Fakten, besonders der neuartige Ton des Buchs, der in Erinnerung bleibt. Der Autor hat sich sowohl von den Gepflogenheiten der akademischen Schreibe wie vom Jargon der Weberianer befreit. Er benutzt das Verb "knutschen", bemerkt, welcher Begriff des großen Weber von der Nachwelt womöglich schlicht überschätzt worden sei und in welchen, von armen und stets fleißigen Sozialwissenschaftlern verzweifelt zu Tode interpretierten Aufsätzen der Meister mehr einem pathologischen inneren Zwang zur Faktenhuberei folgte als einer intersubjektiv nachvollziehbaren Argumentation. An nicht wenigen Stellen läßt er aus Webers Texten kühl die Luft raus. So ist ein hochspannendes Buch entstanden, mit unvergeßlichen szenischen Schilderungen, wie in einem Roman, dank einer respektlosen, eigenwilligen wissenschaftlichen Zugangsweise und einem bemerkenswerten Einfühlungsvermögen in eine sehr kranke Psyche. Dieses erstaunliche Buch ist ein Grund zur Hoffnung für die deutsche Geisteswissenschaft.

Joachim Radkau: "Max Weber". Die Leidenschaft des Denkens. Carl Hanser Verlag, München 2005. 1007 S., Abb., geb., 45,- [Euro].

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