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: Das wilde Werben

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Jahrelang kämpfte Max Weber um seine psychische Gesundheit. Alle möglichen Kuren und Mittel, Bromsulfid, Veronal, Trional, bis hin zum zeitgenössischen Spitzenprodukt der deutschen Pharmaforschung, dem Heroin, kamen zur Anwendung. Er war, mitten in seinen besten Jahren, arbeitsunfähig und obsessiv mit seinen Körperfunktionen, vor allem den nächtlichen Pollutionen, beschäftigt, die dann auch seine Frau Marianne zu protokollieren übernahm.

Begonnen hatten seine Plagen mit der Vorstellung, man versuche ihm mitten in der Vorlesung, gegen seinen Willen eine Affenmaske ins Gesicht zu drücken. Mehr als eine Depression, nach einer ausgewachsenen Psychose klingt das.

Eine von Radkaus erkenntnisleitenden Fragen ist die nach dem Neuen: Woher kam die Fähigkeit Webers, Neues zu denken und zu schreiben? Nicht der Verstand, nicht der Fleiß allein kann das bewirken, es ist vielmehr diese Wanderung an der Grenze zum Wahnsinn, die Fähigkeit zur "abnormen Empfindung", die bei Weber, so Radkau, "in besonderem Maße" ausgeprägt war, die Weber in die Lage versetzte, "neue Wege zu weisen".

Einen wesentlichen Grund für die Lebensschwierigkeiten, die psychischen Krankheiten Webers sieht Radkau, wie auch Weber selbst, in der verdrängten, bekämpften Sexualität, die, je mehr sie das Ehepaar Weber zu kontrollieren sucht, sich zu einem alles beherrschenden Thema auswächst. Erst gegen Ende seines Lebens und nachdem er eine lange Ehe lang mit dem erotischen Unglück gerungen hat, gelingt es ihm, so Radkaus These, in der Beziehung zu Else Jaffé, geborene von Richthofen, die Erotik so auszuleben, wie es ihm gemäß war. Spät, aber nicht zu spät: Den Tunnel bei Bruchsal, in dem sich die beiden im Januar 1919 während einer gemeinsamen Zugfahrt näherkommen, schlägt er als "heiligen Ort eines künftigen Weber-Kults" vor - der Verlag müßte übrigens die an die übliche akademische Kost gewohnten Leser warnen, daß hier einer selbst vor den Mitteln des Humors nicht zurückschreckt!

Den Sex, der Max Weber glücklich macht, und den er bei Else findet, beschreibt Radkau mit der Formel der "Wollust des Beherrschtwerdens", der landläufige Begriff Masochismus fällt nur indirekt. Radkau kühl: "Während Weber zur gleichen Zeit über den nationalen Masochismus der Kriegsschuldbekenner wie Eisner herzieht, freut er sich in seinen Liebesbriefen über die schöne ,Sklavenhalterin'." Die ihm einen Ring um den Hals legt, die Augen zuhält. "Du wirst zornig und - nun ja - : prügelst einen, plagst Einen, machst Einen bitten und sich blamiert fühlen - das wirkt so stark und hat so kraftvollen Duft gesunder Erde und hilft." Weber maximal erregt gefesselt am Boden, über ihm eine strenge Frau - diese erotische Idylle inspiriert Radkau auch zu dieser provokanten Bemerkung: "Ein Lichtschein auf den emotionalen Untergrund von Webers lebenslangem Interesse an dem agrarischen Untergrund der Geschichte."

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