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: Das war die BRD

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Im Mai dieses Jahres starb Günter Gaus zum Entsetzen seiner Freunde, die noch so viel mit ihm zu besprechen gehabt hätten, und zur Trauerfeier in die Berliner Marienkirche waren all jene gekommen, deren ständiger Vertreter in der deutschen Öffentlichkeit dieser Günter Gaus in seinen späten Jahren geworden war: die Leute aus dem Osten, die Schriftsteller, die Intellektuellen, die Leser der Wochenzeitung "Freitag", die Gaus bis zu seinem Tod herausgegeben hatte. Aber die Reden, die im übrigen sehr würdevoll und sehr persönlich waren, hielten Johannes Rau, Egon Bahr und Alexander Kluge, und in all diesen Reden wurde überdeutlich, daß Gaus zuallererst ein Mann der westdeutschen Geschichte gewesen ist; auch wenn er selber sagt, daß er, solange er Journalist war, nur berichtet und kommentiert habe; erst als Politiker habe er die Lizenz zum Handeln bekommen.

Daß aber diese Unterscheidung niemals funktioniert hat, zeigt sich besonders schön in den beiden Geschichten, die Günter Gaus mit Helmut Kohl verbinden. In den sechziger Jahren war Gaus der Programmdirektor und stellvertretende Intendant des Südwestfunks in Baden-Baden, und daneben schrieb er Artikel für die Wochenzeitung "Christ und Welt". In einem dieser Artikel porträtierte er Helmut Kohl, den jungen Fraktionsvorsitzenden der rheinland-pfälzischen CDU, als einen Mann, der es bis zum Bundeskanzler bringen könne. Hannelore Kohl, so erzählt Gaus, habe die Wirkung des Artikels auf ihren Mann wenig später mit drei knappen Wörtern kommentiert: "Sie sind schuld."

Die andere Geschichte ist die von der "Gnade der späten Geburt", ein Wort, das von Günter Gaus stammt und das er, der Protestant, ganz im Sinne der Lutherschen Rechtfertigungslehre gebraucht hatte: die Gnade, die keine Schuld tilgt und die nicht durch eigenes Verdienst erworben werden kann. Als Helmut Kohl, 1984 in Israel, von der "Gnade der späten Geburt" sprach, hatte das Wort nicht bloß die Konfession gewechselt; Kohls Redenschreiber hatten es aus dem Kontext gerissen, und im leichtfertigen Gebrauch verkehrte sich sein Sinn. Ganz egal, wie Kohl es gemeint haben mochte: In den Ohren seines Publikums klang es, als ob Kohl sich selber den Ablaß gewährte.

Jahrgang 1929: Das sind Jürgen Habermas und Hans Magnus Enzensberger, Peter Rühmkorf und Walter Kempowski, das ist nicht die Generation, welche die Bundesrepublik gegründet hat, aber die erste, die in ihr großgeworden ist, und insofern ist es vielleicht gar kein so schlimmer Mangel, daß Gaus nur von seinem Leben in dieser Bundesrepublik erzählt. Wenn Günter Gaus von der DDR und ihrem Erbe sprach, hatte man sofort Streit mit ihm, was zwar durchaus erkenntnisstiftend wirken konnte: Aber wie soll man sich streiten mit einem Buch?

Günter Gaus und die BRD dagegen: Das ist fast ein deutscher Bildungs- und Entwicklungsroman geworden, die Geschichte eines Mannes, der, ohne zum Karrieristen zu werden, sich aus kleinbürgerlichen Verhältnissen nach oben arbeitet; das Leben eines Pragmatisten, der ganz vernarrt ist in die kleinen Schritte und Fortschritte, weil er, ohne jedesmal bei Richard Rorty nachschlagen zu müssen, überzeugt davon ist, daß die großen Entwürfe und die tiefen Letztbegründungen meistens inhumane Konsequenzen haben.

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