https://www.faz.net/-gr3-ua8l

: Das war die alte Universität

  • Aktualisiert am

Peter Wapnewski ist ein sehr höflicher Autobiograph. Wo immer sich die Gelegenheit ergibt, und das ist im zweiten Teil seiner Erinnerungen häufig genug, spart er nicht mit Reverenzen, Freundlichkeiten und Danksagungen. Das Buch durchzieht geradezu ein Fluidum des Wohlwollens - kein Wunder, ist es doch über weite Strecken ein Buch der Freunde und der Erfolge.

          5 Min.

          Peter Wapnewski ist ein sehr höflicher Autobiograph. Wo immer sich die Gelegenheit ergibt, und das ist im zweiten Teil seiner Erinnerungen häufig genug, spart er nicht mit Reverenzen, Freundlichkeiten und Danksagungen. Das Buch durchzieht geradezu ein Fluidum des Wohlwollens - kein Wunder, ist es doch über weite Strecken ein Buch der Freunde und der Erfolge. Umso auffälliger die wenigen, aber kräftigen Seiten, auf denen offen Unmut, ja Zorn geäußert wird.

          Am heftigsten trifft es den Philosophen Martin Heidegger. Der erste Teil der Autobiographie ("Mit dem anderen Auge. Erinnerungen 1922 bis 1959"; F.A.Z. vom 5. Januar 2006) berichtete, noch mit ratloser Beklommenheit, wie der Freiburger Student ihn 1944 besucht und ihm dann in Heidelberg als Gast im Hause Gadamer wiederbegegnet. Im Vorwort des jetzt erschienenen zweiten Teils werden jäh alle Illusionen verabschiedet: Ein "Götze" ist Heidegger jetzt und "erbärmlich" sein Verhalten, "der letzte Kleinbürger" auch mit "passageren Liebschaften", kurzum "ein schreckenmachendes Muster" für den moralisch inkompetenten Intellektuellen. Gekränktes Vertrauen spricht so und kennt kein Pardon.

          Ganz anders die große Kränkung, die sich mit der Jahreszahl 1968 verbindet und im zweiten Teil von Wapnewskis Erinnerungen rumort. Wapnewski hatte das Pech, von einem gloriosen Ruf an die FU Berlin binnen kurzer Zeit und ganz und gar unvermutet mitten ins peinlichste Chaos versetzt zu werden. Im Zentrum der Ereignisse und am eigenen Leibe erlebte er, wie seine Vorstellungen von der Universität pulverisiert wurden. Die Fassungslosigkeit des erfolgreichen und beliebten Professors, der sich natürlich zu den Liberalen mit dem unschönen Präfix, dem "kleinen, aber festen Häuflein der sogenannten Liberalen" zählte, ist noch heute spürbar. Dümmlich, peinlich, schäbig oder auch theatralisch und wehleidig, so lauten im Rückblick, durch keine liberale Milde mehr gebremst, die Befunde zur Studentenrevolte. Einen Aufstand der Nichtschwimmer gegen das Wasser nennt er sie hintersinnig.

          Nicht vergeben hat Wapnewski auch eine weitere Dauerkränkung, die das alte West-Berlin zu bieten hatte - die Schikanen der Grenzorgane, die man bei jeder Fahrt nach "Westdeutschland" (so heißt das noch heute) hinzunehmen hatte. Eingeprägt haben sie ihm ein "tiefes Misstrauen" gegen "diese Brüder und Schwestern" mit dem sächsischen Dialekt und den unerbittlich vereisten Gesichtern.

          Aber die harschen Töne und solche Würze sind selten, allzu selten. Wapnewski schreibt mit gedämpften Affekten. Man versteht, er will kein unvornehm lautes Ich, keinen "Ich-Gesang", keine Sentimentalitäten, kein Pathos. Doch wie soll das "autobiographische Tun" vonstatten gehen, wenn das Ich (wie Ranke es will) getilgt werden soll? Kommt es da nicht zum performativen Widerspruch mit der Gattung selbst? Gibt es nicht auch die ehrenwerte Literatenformel von der Welt, gesehen durch ein Temperament? Wie es scheint, hat Wapnewski das Private mit dem Subjektiven verwechselt und so seinen Spielraum unnötig eingeengt - zum Nachteil seiner doch zu Recht neugierigen Leser. So wirkt sein Buch nicht selten eilig, bis in die Syntax hinein mit ihrer Neigung zu elliptischen Konstruktionen, kurz angebunden aus lauter Zurückhaltung, abbreviatorisch an Insider sich richtend, wo man sich doch viel öfter (wie im ersten Teil) gelassene erzählerische Umständlichkeit gewünscht hätte. Zum Beispiel dann, wenn der von der Berliner Revolte Vertriebene am Strand von La Jolla in Kalifornien deren Inspirator Herbert Marcuse begegnet.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.