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Zukunft der Gefängnisstrafe : Das Unbehagen am Freiheitsentzug

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Als Vorbereitung auf das Leben danach kann die Fristung des Lebens hier kaum gelten: Zellengang in einem deutschen Gefängnis. Bild: Michael Kretzer

Schuld und Sühne: Der ehemalige Leiter einer Strafvollzugsanstalt Thomas Galli denkt darüber nach, wie Kriminelle in Zukunft bestraft werden sollten.

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          Obwohl es noch zu früh ist, die staatlich verordneten Einschränkungen in der Corona-Krise zu bewerten, haben sie uns eines schon jetzt deutlich gezeigt: Eingriffe in die menschliche Freiheit können überaus schmerzhaft sein. So haben auch wir nunmehr eine leise Ahnung davon, was es bedeutet, längere Zeit auf engem Raum zubringen zu müssen. Dabei besitzt der Normalbürger gegenüber dem Strafgefangenen noch das Privileg, auswählen zu können, mit wem er Tisch und Bett teilt. Und darüber hinaus dürfte selbst die kleine Mietwohnung in einem Mehrfamilienhaus noch deutlich komfortabler ausfallen als die Einzelzelle in einer deutschen Justizvollzugsanstalt.

          Corona führt zudem zu einem seltsamen Effekt: Während wir zusammenrücken, beginnen sich die deutschen Gefängnisse zu leeren. Freiheitsstrafen werden unterbrochen, Haftantritte verschoben. Aus der Türkei wird gar gemeldet, dass die Gefahren des Virus rund neunzigtausend Straftätern dazu verhelfen sollen, vorzeitig ihre Freiheit wiederzuerlangen. Diese aus der Not geborene Politik eines Verzichts auf Inhaftierungen, die bis jetzt erstaunlich geräuschlos vonstattengeht, wirft die Frage auf, ob unsere Strafanstalten nicht weit weniger benötigt werden, als wir das bisher für möglich gehalten haben.

          Rache und Vergeltung

          Das Buch, das Thomas Galli noch vor der Krise geschrieben hat, beantwortet die Frage schon im Titel: „Weggesperrt. Warum Gefängnisse niemandem nützen“. Die These gewinnt dadurch an Brisanz, dass der Autor zwei Justizvollzugsanstalten in Sachsen leitete. Er hat sich ein ambitioniertes Programm vorgenommen, denn er will beschreiben, „wie die Strafe der Zukunft aussehen sollte“.

          Thomas Galli: „Weggesperrt“. Warum Gefängnisse niemandem nützen.

          Gleich zu Beginn greift er ein gewichtiges Thema auf: Warum strafen wir? Dieser Frage kann man auf nur zehn Seiten unmöglich gerecht werden, ist damit doch eine strafrechtstheoretische Diskussion aufgerufen, die vom Altertum bis zur Gegenwart reicht und eine Fülle von Gerechtigkeits-, aber auch Nützlichkeitserwägungen umfasst. Damit hält sich der Autor allerdings nicht lange auf; bestraft werde, so die wenig differenzierte Diagnose, nur aus „Rache“ und „Vergeltung“. Auf den nächsten hundertfünfzig Seiten liefert Galli indes eine im Wesentlichen profunde Kritik der Freiheitsstrafe und vor allem der Realität in den deutschen Gefängnissen.

          Verstößt der Strafvollzug gegen die Menschenwürde?

          Dazu gehört, dass es schon an einer Erfolgskontrolle derjenigen Bemühungen fehlt, die in den deutschen Anstalten zur Wiedereingliederung der Straftäter unternommen werden. Die Zahlen in der sogenannten Rückfallstatistik, welche nur einer privaten Initiative engagierter Kriminologen zu verdanken ist, sind nicht besonders ermutigend: Von den aus einer Freiheitsstrafe entlassenen Personen werden innerhalb von neun Jahren mehr als sechzig Prozent rückfällig. Jeder Dritte muss sogar in den Strafvollzug zurück. Eine Erfolgsgeschichte der Resozialisierung ist das nicht, auch wenn sich daraus nicht ohne weiteres, wie der Autor meint, ableiten lässt, dass die Strafhaft die Rückfallwahrscheinlichkeit erhöht.

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