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: Das schlechte Gewissen der Sonnenseitenbewohner

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Sybille Bedford wurde in Berlin geboren, hatte für die Deutschen aber nicht viel übrig. Nachdem ihr Vater, Baron von Schoenebeck, gestorben war, verbrachte sie ihre Jugend im Schlepptau ihrer reisefreudigen britischen Mutter und kam dabei mit zahlreichen Künstlern wie dem Science-Fiction-Autor Aldous Huxley in Kontakt.

          Sybille Bedford wurde in Berlin geboren, hatte für die Deutschen aber nicht viel übrig. Nachdem ihr Vater, Baron von Schoenebeck, gestorben war, verbrachte sie ihre Jugend im Schlepptau ihrer reisefreudigen britischen Mutter und kam dabei mit zahlreichen Künstlern wie dem Science-Fiction-Autor Aldous Huxley in Kontakt. Als sie sich Ende der vierziger Jahre nach Mexiko aufmachte, hatte sie von der Zukunft allerdings fürs Erste genug. Sie wählte ein Land "mit einer langen, hässlichen Geschichte und so wenig Gegenwartsgeschichte wie möglich".

          Europa war zu diesem Zeitpunkt unter den Folgen radikaler Zukunftsvisionen zusammengebrochen und sein Selbstbewusstsein stark erschüttert. Bedfords Mexiko-Buch handelt auch von der Suche nach einer alternativen Kultur und nach Lebensformen, die frei vom giftigen Ehrgeiz der Moderne sind. Fasziniert studiert sie die indianische Urbevölkerung, ihr Laissez-faire, ihre Bedürfnislosigkeit und ihre religiösen Verstiegenheiten.

          Man kommt in Mexiko damals noch weitgehend ohne Geld aus, und wenn es einmal nötig ist, "setzt sich der Betreffende hin und verwendet ein, zwei Tage darauf, eine Decke zu weben", dann legt er die Hände wieder in den Schoß und "sieht den Pflanzen beim Wachsen zu". Als Bedford und ihre Begleiterin der Einladung Don Otavios auf seine Hazienda am Chapalasee folgen, machen sie es den Indios nach. "Man tut alles für uns", schreibt sie von diesem "halkyonisch schönen Leben" unter Paradiesvögeln, Kamelien und Rosen, "wir sind wie heilige Tiere." Siebzehn Dienstboten lesen ihr jeden Wunsch von den Lippen ab, doch Otavio selbst kommt nur zu höflichen Kurzbesuchen und Bridgepartien vorbei; als Residuum spanischer Feudalstrukturen versteht er sich auf die Stilisierung der Muße.

          Trotz aller englischen Lebensart wird es Bedford im Paradies bald zu viel. Mit britischem Instinkt für die unentweihte Idylle scheut sie keine Mühen und geht jeder Empfehlung in alten Baedekern nach. Sie begibt sich auf abenteuerliche Ausflüge mit episch verspäteten Zügen, Überlandbussen und unzuverlässigen Privatfahrzeugen, die im Dschungel elendig scheitern. Ihr Fatalismus ist bewundernswert. In der Not nähert sich ihre Weltläufigkeit überraschend der Gottergebenheit der indianischen Ureinwohner an. "Wenn sie nur über ihre Stunden der Trägheit und der Einsamkeit sprechen und enthüllen könnten, ob in ihrem starren Blick Leere oder Vision ist."

          Auch wenn "Zu Besuch bei Don Otavio" das erste Buch der Vierzigjährigen ist, gehören zu seiner rhetorischen Ausstattung doch schon alle Tonlagen, die es nach dem Ende der Illusionen in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts braucht: Sarkasmus, trockener Humor, Understatement und eine lustvolle Abgeklärtheit, die an der Absurdität der Situationen wächst. Nach einem besonders opferreichen Reisetag sind ihre Nerven aus übergroßer Müdigkeit "dem unmittelbaren Kontakt mit der Welt ausgesetzt". Der schweifende Geist nimmt "alles klar, doch leer" auf und absorbiert die Schönheit "durch Osmose".

          Der Autorin gelingt es in ihrem Mexiko-Buch immer wieder, die Mentalität des Landes osmotisch zu transkribieren. Es ist eine Art von zweiter Naivität, die man im Englischen mit dem Ausdruck "tongue in cheek" bezeichnet, durch die sie sich vor jedem überstürzten Urteil schützt. Gerade ihre Gelassenheit ist ein ideales Medium für das latent Bedrohliche der südamerikanischen Kultur. Deren aus Hitze, Dürre und katholischem Inquisitionsgeist geborene Todesaffinität offenbart sich in Schokoladentotenköpfen, die zu Allerheiligen in den Konditoreiauslagen liegen, im ungesicherten Fahrstuhlschacht, der abrupt am Ende eines Hotelflurs gähnt, und in einem Restaurant, das geöffnet ist, obwohl der Besitzer im Sterben liegt und die Kellner den Rosenkranz beten. Phänomene dieser Art bereiten uns geradezu novellistisch auf den lakonisch erzählten Höhepunkt ihrer morbideren Erlebnisse vor: Als ein betrunkener Passagier sich bei seinen Mitreisenden unbeliebt macht, werfen die ihn kurzerhand aus dem fahrenden Bus. Während die Erzählerin fassungslos das Opfer betrachtet, das verkrümmt in seinem Blut liegt, ertönt im Bus nur schallendes Gelächter.

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