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Tomatenproduktion in Europa : Wasserbomben aus Amsterdam

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Für Cocktailtomaten haben einheitliche Erscheinung, Transportfähigkeit und Lagerbarkeit Vorrang vor Geschmack. Bild: Dieter Rüchel

Je exotischer der Name, desto sicherer stammen sie aus Holland: Annemieke Hendriks zeigt, wie in Europa Tomaten produziert und vertrieben werden. Die gängige Praxis braucht dringend Alternativen.

          Es gibt vermutlich kaum ein Produkt, das die Widersprüche der modernen Landwirtschaft so gut verkörpert wie die Tomate: eine Frucht, die sich von ihrem Ursprungsgebiet in Mittel- und Südamerika ab dem sechzehnten Jahrhundert rasch in alle Welt verbreitete, aber erst zweihundert Jahre später in Europa und Nordamerika die kulinarische Bedeutung erhielt, die ihr auch heute noch zukommt. In der Erfolgsgeschichte der Tomate im zwanzigsten Jahrhundert spielt ihr Anbau in geheizten Gewächshäusern eine wesentliche Rolle. Diese Anbauweise ist jedoch gleichzeitig der Grund für den beschädigten Ruf der Tomate.

          Ihre Aufzucht unter solchen Bedingungen – insbesondere der Sorten, die sich dafür besonders eignen – hat in den Augen vieler Konsumenten zur Folge, dass die geschmackliche Qualität der einheitlichen Erscheinung, Transportfähigkeit und Lagerbarkeit geopfert wurde. Niederländische Tomaten gelten immer noch als das Negativbeispiel für diese Entwicklung. Die holländische „Wasserbombe“ erhitzte bereits in den neunziger Jahren die deutschen Gemüter. In ihrem erfrischend unaufgeregten Buch beschreibt die niederländische Journalistin Annemieke Hendriks anhand der Tomate die komplizierte Lieferkette des Frischgemüses in Europa, vom Züchter zu den Supermärkten und Wochenmärkten in Europas Städten. Die Sortenentwicklung wird von niederländischen Firmen dominiert. Darunter sind einige Familienbetriebe, doch auch Unternehmen, die inzwischen zu Monsanto oder Bayer gehören. Die Produktion des enorm wertvollen Tomatensaatguts – ein Kilo kann für 100.000 Euro gehandelt werden – ist oft in Entwicklungsländer ausgelagert. Das dort produzierte Saatgut wird allerdings in den Niederlanden gereinigt, aufgearbeitet und verpackt.

          Schuld von allen Marktteilnehmern

          Doch die Niederlande sind nicht der führende Produzent von frischen Tomaten für den Endverbraucher, nur fünf Prozent der Produktion in der Europäischen Union werden dort angebaut. Neben der Sortenzüchtung ist es vor allem der Großhandel und Vertrieb von in Spanien oder Italien angebauten Tomaten, der von niederländischen Betrieben dominiert wird. Diese Vernetzung der Produktion macht es sehr schwierig, wie die Autorin an mehreren Beispielen unterhaltsam darstellt, zu bestimmen, was eigentlich ein „regionales Produkt“ ist.

          Die meisten exotisch aussehenden Tomatensorten mit wohlklingenden Namen wie „Cortez“ oder „Richesse“ kommen aus den Niederlanden. Dies steht zwar auf dem Etikett, doch beworben und vermarktet werden sie, als sei ihre Herkunft eine völlig andere. Die „Wasserbomben“-Krise hat die niederländischen Produzenten, Einzelhändler und Supermärkte zur Anpassung gezwungen: die Herkunft der Produkte wird zwar in der Regel nicht verschleiert, doch es wird dem Kunden ungemein schwergemacht, die tatsächliche Herkunft einer Tomate herauszufinden.

          Annemieke Hendriks: "Tomaten". Die wahre Identität unseres Frischgemüses. Eine Reportage“ ist im be.bra Verlag, Berlin im Jahr 2017 erschienen. Der Preis für die 288 Seiten beträgt 18 Euro.

          Die Autorin zeigt, dass kein Marktteilnehmer dabei schuldlos ist – ob nun in großen Supermärkten oder auf Wochenmärkten in hippen Stadtteilen Berlins. Eine von romantischem Wunschdenken genährte Erwartungshaltung von Konsumenten spielt natürlich auch eine wichtige Rolle.

          Ein erster wichtiger Schritt

          Die nachhaltige Gestaltung der Landwirtschaft und der Versorgung mit Nahrungsmitteln ist selbstverständlich ein achtbares und notwendiges Ziel. Aber leider leiden Debatten über dieses Thema darunter, dass dabei fast unüberbrückbare gegensätzliche Ansichten gegeneinander antreten. Hendriks meidet es, in diesen Debatten eindeutig Stellung zu beziehen, und lässt vor allem den Protagonisten – den Züchtern, Landwirten, Händlern, Lobbyisten, Aktivisten – das Wort. Die wirtschaftlichen, ökologischen und politischen Rahmenbedingungen landwirtschaftlicher Produktion, die Kompromisse, die jeder Akteur in diesem Bereich eingehen muss, werden dabei in aller Schärfe deutlich.

          Da ist etwa der innovative, sich dem internationalen Wettbewerb stellende, noch einen Betrieb in Familienbesitz führende niederländische Züchter, der Patente auf Pflanzen eigentlich ablehnt, den die Entscheidungen von Patentbehörden und multinationalen Konkurrenten aber dazu zwingen, selbst Patentrechte zu erwerben. Oder ein österreichischer Theologe, der seine neue Mission im Anbau und in der Erhaltung alter Tomatensorten fand, einen großen Teil seiner Ernte aber nur zur Weiterverarbeitung verkaufen kann, da die frischen Tomaten kaum transport- und lagerfähig sind. Keines der propagierten Modelle – auf der einen Seite effizient industrialisierte Verfahren, Verwendung moderner Züchtungsmethoden und von Hybriden, auf der anderen kleinteilige biologische Produktion mit „samenfesten“ Pflanzen – wird wohl in Reinform eine Lösung für die Zukunft der Nahrungsmittelproduktion liefern können.

          Ein Dialog der beiden Richtungen ist zwar unbedingt notwendig, kommt aber bisher nur in Ansätzen zustande. Ein Verdienst von Annemieke Hendriks Buch ist, den Leser mit beiden Seiten der Debatte zu konfrontieren und die komplizierte Lage realistisch darzustellen – und das ist der erste wichtige Schritt, um über Alternativen zu den bestehenden Produktions- und Vertriebsformen nachzudenken.

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