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: Das Recht auf Glamour

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Das amerikanische Magazin "Vanity Fair", Leitmedium auch jener deutschen Intellektuellen, die, allen Enttäuschungen in der deutschen Publizistik zum Trotz, noch immer die Hoffnung nicht aufgegeben haben, dass der Geist, der deutsche zumal, eines Tages die ausgebeulten Hosen und die löchrigen Pullover abstreifen ...

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          Das amerikanische Magazin "Vanity Fair", Leitmedium auch jener deutschen Intellektuellen, die, allen Enttäuschungen in der deutschen Publizistik zum Trotz, noch immer die Hoffnung nicht aufgegeben haben, dass der Geist, der deutsche zumal, eines Tages die ausgebeulten Hosen und die löchrigen Pullover abstreifen und sich etwas besser anziehen werde; dass, wer seinen kritischen Kopf in Bewegung bringen will, nicht zuvor den Anzug an der Garderobe abgeben müsse; ja, dass Geschmack und Formbewusstsein so universale Fähigkeiten seien, dass, wer gute von schlechter Prosa unterscheiden könne, auch den Unterschied zwischen guten und schlechten Schuhen erkenne, dieses Magazin also, dessen Titel auf Deutsch "Jahrmarkt der Eitelkeiten" heißt, feiert in diesen Tagen seinen fünfundzwanzigsten Geburtstag - und schaut aus diesem Anlass auf fünfundneunzig Jahre "Vanity Fair" zurück.

          Das ist, einerseits, nur einer von vielen Widersprüchen, die zu den schönsten Reizen des Magazins gehören; und andererseits löst sich aber dieses Paradoxon sofort auf, wenn man weiß, dass im Jahr 1913 der Verleger Condé Montrose Nast und der Chefredakteur Frank Crowninshield eine Zeitschrift gründeten, deren erste Ausgaben noch "Dress & Vanity Fair" hießen. Im Jahr darauf fiel "Dress" weg, und was übrigblieb, wurde das Zentralorgan der amerikanischen Moderne, das Amtsblatt des "Jazz Age", ein Magazin, das man schon wegen der Texte kaufen musste (zu den Autoren gehörten, nur zum Beispiel, Dorothy Parker und Thomas Wolfe, Gertrude Stein und P. G. Wodehouse). Den Ruhm, den kommerziellen Erfolg und die stilbildende Kraft, das alles verdankte die Zeitschrift aber ihren Fotos: Edward Steichen, George Hurrell und Cecil Beaton, die Erfinder der Glamour-Fotografie, gehörten zum Team, und unter denen, die vor den Kameras posierten, waren nicht nur die Film- und Showstars der Epoche, sondern auch so unterschiedliche Berühmtheiten wie Virginia Woolf und Winston Churchill, Jean Cocteau, Cole Porter, F. Scott Fitzgerald.

          Dass die Zeitschrift 1936 eingestellt wurde (offiziell hieß es: sie werde zusammengelegt mit der "Vogue"), war eine späte Folge der Weltwirtschaftskrise; dass sie 1983 wiedergegründet wurde, war eine Konsequenz des Booms, und dass sie ihr doppeltes Jubiläum nicht auch mit einer Auswahl ihrer interessantesten Texte feiert, ist schade - zu gerne hätte man doch ein paar Theaterkritiken von Dorothy Parker gelesen oder auch jene Story, die 1933 erschien, unter dem Titel "Handsome Adolf - A Law unto Himself".

          Es sind aber die Fotos, in denen "Vanity Fair" jetzt beides findet: seine Geschichte und eine Bedeutung, die weit über den Monat des Erscheinens hinausgeht - man möchte es fast Klassizität nennen und sträubt sich doch, weil selbst die ältesten Bilder noch immer so lebendig wirken. Die Ausstellung "The Vanity Fair Portraits" gastiert zurzeit in Los Angeles; das Buch mit demselben Titel erscheint in diesen Tagen, und wenn man lange genug hineinschaut in dieses Buch, dann glaubt man endlich zu erkennen, was Glamour ist; man sieht es hier jedenfalls deutlicher als in Stephen Gundles Buch "Glamour: A History", das neulich in der Oxford University Press erschienen ist.

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