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: Das Reale ist das Schwerste

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Man kann den Horizont, vor dem Dietmar Daths Manifest "Maschinenwinter" spielt, mit einer historischen Behauptung und einer Anekdote ausmalen. Die Behauptung sagt, dass es nur Lenin und Mao geschafft hätten, dem Universalitätsanspruch des Kapitals mit seinen liberalen Verkleidungen und demokratischen Zeremonien tatsächlich Angst einzujagen.

          Man kann den Horizont, vor dem Dietmar Daths Manifest "Maschinenwinter" spielt, mit einer historischen Behauptung und einer Anekdote ausmalen. Die Behauptung sagt, dass es nur Lenin und Mao geschafft hätten, dem Universalitätsanspruch des Kapitals mit seinen liberalen Verkleidungen und demokratischen Zeremonien tatsächlich Angst einzujagen. Die Anekdote spielt in einem philosophischen Seminar an einer westdeutschen Universität in den achtziger Jahren, in einer Zeit, als die Verbindlichkeit geisteswissenschaftlicher Aussagen durch ein angebliches Alles-ist-möglich ersetzt wurde. Ein amerikanischer Student hielt mit viel Eifer ein Referat über die drei Grundbegriffe der Psychoanalyse Jacques Lacans. Nachdem er das Imaginäre, die Konstitution des menschlichen Ichs durch die Aufnahme "seines" Bildes aus einem Spiegel, und das Symbolische, den Versuch des Menschen, sich der Welt durch die auch von der Mutter gelernte Sprache anzunähern, hervorragend erklärt hatte, sollte der Amerikaner zum Realen kommen, schloss aber stattdessen mit den Worten: "Das Reale ist bei Lacan und überhaupt das Schwierigste, deshalb lasse ich es hier weg."

          Zum Ende des 20. Jahrhunderts, als angeblich alles möglich sein sollte, war das Reale so schwierig geworden, dass man besser gar nicht erst darüber redete. Dabei hatte das vergangene Jahrhundert ganz anders angefangen. 1900 veröffentlichte Freud seine "Traumdeutung", 1905 formulierte Einstein die Spezielle Relativitätstheorie und entwarf eine Quantenphysik des Lichts, 1908 eröffnete Schönberg die Möglichkeit einer atonalen Musik, kurz vor dem Ersten Weltkrieg revolutionierte Picasso die Geometrie im Bild, und 1902 hatte Lenin mit seiner Schrift "Was tun?" die Begründung der modernen Politik geliefert.

          Das alles, zusammen mit ein paar weiteren Revolutionären in der Mathematik, im Kino und der mathematisierten Logik des Philosophen Ludwig Wittgenstein, zeugte von einer Passion fürs Reale, die Platz für etwas Neues schaffen wollte. Das Neue hieß emphatisch "der neue Mensch", und es erweiterte den Wirklichkeitsbegriff des Zeitalters der Industrialisierung um den denkbaren Entwurf. Einen Entwurf, der den Entrechteten und Besitzlosen versprach, mit den neuen Mitteln von Kunst, Wissenschaft, Technik und Politik eine Welt zu gewinnen.

          Dieses Versprechen erneuert Dietmar Dath im Jahr 2008, und er lässt keinen Zweifel aufkommen, woran er anknüpft. "Lenins ,Was tun?' setzt an einer Evidenzwahrheit an, die heute so gut wie alle öffentlich agierenden Linken vergessen zu haben scheinen: Wenn mein Ziel ist, die Besitzlosen zu befreien und die Geschichte planbar zu machen, dann muss ich mir darüber klar sein, dass diese Besitzlosen nicht irgendwann nach Feierabend das bestehende System sprengen können." Während aber Lenin seinen programmatischen Entwurf einer rationalen Politik zur Machtergreifung in die Kämpfe in der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands hineinschrieb, wendet sich Dath an eine imaginäre Partei. Die Partei, die das System aus den Angeln heben könnte und soll, gibt es noch nicht. Daths Text hat aber nur Sinn, das sagt er selbst, mit dem Blick auf diese erst zu gründende Partei, die ihre Axiome nur aus dem Typ der leninistischen Organisationsform ziehen kann.

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