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: Das Reale ist das Schwerste

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Da liegt auch der blinde Fleck von Daths Manifest. Dass der Mensch, um zu seinem höchsten Kulturziel Erkenntnis zu gelangen, Muße braucht, das heißt sein Essen nicht mehr selbst anpflanzen, ernten oder zubereiten kann, sondern es andere tun lassen muss, ist spätestens seit Aristoteles der Ort, an dem sich die Geister scheiden. Die Moderne hat in der Nachfolge der Französischen Revolution versucht, dem Dilemma auszuweichen, indem sie die Maschinen und die Technik an die Stelle der Sklaven oder Knechte setzte. Wenn die Maschinen die Arbeit tun, können wir alle nach dem schönen Leben streben.

Natürlich befreien die Maschinen oder die Technologie nicht von selbst, solange sie jemanden gehören. Im Gegenteil, sie werden zu Gegnern, weil sie, mit der schönsten Formulierung Daths, "zu Naturwesen werden, deren Früchte man nicht ernten kann, weil sie keine mehr hervorbringen; wie schlafende Pflanzen im Winter". Deshalb müssen die Menschen die Maschinen befreien, damit die wieder das tun, wozu sie erschaffen worden sind: den Menschen das Leben zu erleichtern.

Für Dath sind es immer noch die Taten der Menschen, die bestimmen, was mit den Maschinen passiert, in welche Richtung die Technologie entwickelt wird. Dass vielleicht Medien wie auch Maschinen von dem Moment an, in dem man etwa in einen Computer ein Programm einspeist, die Energien des Programms endlos umformen, speichern, verteilen oder umschalten und das auf eine Weise tun, die gar nicht mehr anschaulich nachvollziehbar ist, kommt bei Dath nicht in den Blick - es wird abgelehnt. Es gibt weder ein Unbewusstes der Medien noch eines der Maschinen. Was wir mit der Sprache machen, bestimmen wir, nicht die Sprache. Das ist eine maskulinistische Sicht der Dinge wie der Geschichte. Möglich wird sie, weil Dath mit seinem Manifest nur in der Sprache, das heißt im Symbolischen, agiert und der Adressat, die Partei, imaginär bleibt. Es ist die Sprache, die es möglich macht, dass Dath in seinem für den Herbst angekündigten Roman "Die Abschaffung der Arten" unter anderem den waghalsigen Versuch unternimmt, Fossilien von Lebewesen freizulegen, die noch gar nicht gelebt haben. Das Schwierigste, das Reale, ist das nicht.

Dass Dath trotzdem ein lesenswertes Manifest geschrieben hat, hat damit zu tun, dass er sich nicht in empiriokritizistischen Abhandlungen verliert, sondern ein Wissen formuliert, aus dessen Anwendung etwas folgt: Die Menschheit gibt es noch nicht. Wir können sie aber erschaffen.

CORD RIECHELMANN.

Dietmar Dath: "Maschinenwinter. Wissen, Technik, Sozialismus. Eine Streitschrift". Suhrkamp, 130 Seiten, 10 Euro

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