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: Das Reale ist das Schwerste

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Der Unterschied ist keine Kleinigkeit und Dath bewusst. Dass er es dennoch schafft, die Balance zwischen einem bedingungslosen Willen zur Analyse der Gegenwart und dem Programm für die in Aussicht gestellte zukünftige Erwartung zu halten, hat einen Grund. Dath weiß, dass er als Warenmonade, die noch etwas zu verkaufen hat, zu-nächst zu anderen Warenmonaden spricht, die sein Buch kaufen können. Deshalb spricht der 38-Jährige in "Maschinenwinter" auch öfter in der ersten Person als alle Autoren aller Manifeste und Proklamationen der europäischen Avantgarden des 20. Jahrhunderts zusammen.

Daths Text-Ich bewegt sich nicht primär in linken Kreisen - Dath kann auf die Naivität lebender Linker schimpfen, wie es nur Linke können; den Auftrag zu seiner Schrift lässt er sich lieber von seinen Gegnern bestätigen. Von einer Expertengruppe des Londoner Verteidigungsministeriums etwa, die 2007 in einer Studie die Hauptbedrohungen in den nächsten Jahrzehnten in "leichten Waffen, religiösen Fundamentalisten, die auf die Ressentiments der Elenden setzen, und im Neomarxismus" erkannt haben wollte. Wenn schon gestandene Imperialisten wie die Experten des Londoner Verteidigungsministeriums im Neomarxismus eine der größten Gefahren sehen, kann es Dath nur darum gehen, ihnen den Gefallen auch zu tun. Diesmal allerdings ohne die alten Fehler der alten Linken, also ohne die sozialdemokratischen Illusionen einer Reformierbarkeit oder Einhegung des Kapitalismus. Der Kapitalismus kann nur in seiner Abschaffung überwunden werden. Punkt. Und warum er abgeschafft werden muss, lässt sich an wenigen Zahlen demonstrieren: 1960 hatten die zwanzig reichsten Prozent der Weltbevölkerung ein dreißig Mal höheres Einkommen als die zwanzig ärmsten. 1995 ist das Einkommen der Reichsten fünfundachtzig Mal höher.

Diese monströse Ungleichheit lässt sich mit moralischen Begriffen nicht mehr fassen, zumal in diesen Zahlen auch ein stetig wachsendes Heer von Menschen aufgehoben ist, das nicht einmal mehr ausgebeutet wird, weil es keinen Mehrwert mehr produziert. Es wird nur noch geduldet. Daraus resultiert eine ungeheure Spaltung der Menschen, die, darwinistisch aufgeladen, zu einer neuen Artbildung führen könnte. Aus dem Gattungswesen Mensch werden zwei Arten, Herren und Knechte, oder wie es bei Aristoteles heißt: freie Menschen und Sklaven, die über die Definition ihrer körperlichen Fähigkeiten getrennt werden. Mit den Mitteln der Biotechnologie und der Eugenik ließe sich dieser Prozess heute beschleunigen; einschlägige Gedankenspiele gibt es seit den sechziger Jahren.

Für einen Sozialisten wie Dath ist das natürlich unrecht. Wobei "Unrecht" kein Begriff aus der Wissenschaft ist, "sondern ein normativer, genau wie Sozialismus". Herren und Knechte gehören abgeschafft, weil beide etwas anderes als Menschen sind, "moralisch gesprochen: weniger". Das Ziel heißt: "Zur Menschheit, weiß Gott". Und Gott ist in diesem Fall mehr als das Sprachspiel eines Schriftstellers. Auf seine Art hat Dath mitbekommen, dass es die "besten Vertreter der Erlösungsreligionen" sind, die entschiedener an der Vorstellung eines Universalismus, der die Gleichheit aller Menschen voraussetzt, festhalten als Wissenschaftler oder demokratische Politiker, für die Ungleichheit ein Naturprodukt wie Biomilch ist, oder zu Amt, Geld und Einfluss gekommene Popschreiber, zu denen der Hard-Rock-, Science-Fiction- und Fernsehserien-Kenner Dath auch gehört.

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