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: Das Märchen vom Blutrand und vom Lorbeer

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Die Formel ist zwar alt, aber bis heute gut: "Es war einmal!" Da raunt es und wabert, unterhält jedoch vor allem, und am Schluß ist die Moral von der Geschicht' im besten Fall elegant und effektiv dargetan. Warum die bewährte Redewendung nicht noch einmal nutzen, besonders wenn sich die zu schildernden Begebnisse ...

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          Die Formel ist zwar alt, aber bis heute gut: "Es war einmal!" Da raunt es und wabert, unterhält jedoch vor allem, und am Schluß ist die Moral von der Geschicht' im besten Fall elegant und effektiv dargetan. Warum die bewährte Redewendung nicht noch einmal nutzen, besonders wenn sich die zu schildernden Begebnisse als Märchen aus dem letzten Jahrhundert bündeln lassen? Ein Märchen, in dem es außer um den schönen Schein und den hohen Ton auch um elementare Katastrophen, politische Verbrechen und grenzenloses Grauen geht - vermittelt zwar, indes nicht weniger entscheidend für Leben und Werk der zwei Hauptpersonen, die das Zentrum der wundersamen wie wundertraurigen Halbgöttererzählung bilden?

          Auf diese Weise hat sich Carola Stern in ihrem Doppelporträt "Auf den Wassern des Lebens" dem zeitweiligen Schauspieler-Ehepaar Marianne Hoppe und Gustaf Gründgens zugewandt, Helden ihrer Jugend, denen sie, nach Jahren der ideologiekritischen Distanz wegen deren Karrieren im "Dritten Reich", endlich historisch gerecht werden wollte.

          Denn immerhin verlief die Entwicklung von Carola Stern, geboren 1925 als Erika Assmus, ebenfalls alles andere als geradlinig. Sie war, wie sie in ihrer Autobiographie "Doppelleben" berichtete, als junge Frau eine begeisterte Nationalsozialistin, dann in der SED aktiv und ließ sich vom amerikanischen Geheimdienst anwerben, um ihrer Mutter die neueste medizinische Versorgung zu sichern. 1951 floh sie enttarnt nach West-Berlin, wechselte den Namen, wurde Journalistin und Schriftstellerin.

          Insofern ist Carola Sterns Interesse an den komplexen Abhängigkeitsverhältnissen, die in totalitären Systemen entstehen können, vital, und ihr Sezierbesteck, um Ausflüchte und Kaschierungen für Opportunismus und Mitläufertum zu entdecken, geschärft. Marianne Hoppe und Gustaf Gründgens, miteinander verheiratet von 1936 bis 1946, liefern ihr in dieser Hinsicht starkes Demonstrationsmaterial. Sie bleiben als auf der Bühne und im Film gefeierte Stars nach 1933 in Deutschland. Gründgens inszeniert außerdem, übernimmt 1934 das Preußische Staatstheater, wird kurz danach Berliner Generalintendant und Preußischer Staatsrat. Diese "Dekorateure der Diktatur", wie sie Carola Stern nennt, sind einerseits überaus privilegiert. Die "innere Emigration", die sie später für sich reklamieren, wird ihnen fürstlich vergütet. Andererseits würdigt Carola Stern nachdrücklich beider Engagement für gefährdete Kollegen und deren Angehörige. Gründgens holt möglichst viele als unabkömmliche Mitwirkende in sein Ensemble, was ihnen Schutz vor Einberufung und Verfolgung verheißt, und hilft entschlossen, den kommunistischen Schauspieler und Sänger Ernst Busch vor dem Tod zu retten. Der wird sich nach Kriegsende sofort um Gründgens kümmern, den die Sowjets 1945 verhaftet haben.

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