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: Das Leben, ein Schauspiel

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Der Seufzer, gleich im Prolog von Mario Adorfs jüngstem Buch, kommt aus tiefstem Herzen: Wie leicht haben es doch die Franzosen, weil sie zwischen se rappeler, dem gezielten Eintauchen in den Gedächtnisspeicher, und se souvenir, dem plötzlichen Auftauchen von vermeintlich Vergessenem, zu unterscheiden wissen.

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          Der Seufzer, gleich im Prolog von Mario Adorfs jüngstem Buch, kommt aus tiefstem Herzen: Wie leicht haben es doch die Franzosen, weil sie zwischen se rappeler, dem gezielten Eintauchen in den Gedächtnisspeicher, und se souvenir, dem plötzlichen Auftauchen von vermeintlich Vergessenem, zu unterscheiden wissen. Für Adorf, den es aus einem kleinen Eifelstädtchen hinaus in die weite Filmwelt von Italien und Sibirien, Hollywood und Mexiko trieb, gibt es nur Bruchstücke des Erinnerns, unbehauen und unbezeichnet. "Unordentliche Erinnerungen" beschwört deshalb sein Buch "Himmel und Erde" im Untertitel, weil der Autor ihnen das Nebensächliche, Zufällige und auch Lückenhafte bewußt erhalten wollte, weil sie eben nicht den wesentlichen Daten und Linien seines Lebens folgen sollen.

          Die Neugier ist auf der Stelle geweckt. "In der Eifel und im rheinischen Raum", erklärt Adorf den Buchtitel, "war ,Himmel und Äd' ein einfacher Eintopf der eher mageren Jahre, aus Äpfeln und Kartoffeln zusammengekocht. Die Äpfel wachsen auf den Bäumen, daher: Himmel, die Kartoffeln im Ackerboden, darum: Erde. Und so gemischt wie ,Himmel und Äd' stellen sich meine Erinnerungen ein ..."

          Solange Mario Adorf aus den Kinderjahren erzählt, vom unehelichen Buben zwischen katholischen Nonnen im Waisenhaus, in das ihn die Mutter zu stecken sich genötigt sah, und den Verführungen der Hitlerjugend, vom illegalen Schweineschlachten in den Kriegsnächten oder von der ersten unheimlichen Begegnung mit der amerikanischen Besatzungsmacht, ist seine Prosa rühmenswert dicht und stets gewitzt, ohne auf Pointen zu lauern. Die Ambivalenz eines solchen Aufwachsens voller Verwirrungen schwingt ununterbrochen mit, wenn Adorf von Mario erzählt: "Auf der einen Seite der stramme Hitlerjunge, auf der anderen der Zweifler, der Hitler nicht liebte, wie man es von ihm verlangte, der begeistert Nazilieder sang und doch heimlich mit der Decke über dem Kopf Radio London hörte - und das ohne Gewissensbisse."

          Der neunjährige Ministrant glaubt an Gott, aber die Existenz eines gütigen Gottvaters oder später die jungfräuliche Empfängnis Marias leugnet er entschieden. Und wenn Adorf vom Hiobschicksal der Familie Engels aus dem Eifeldorf Reudelsterz berichtet, wo im Laufe des Krieges Jahr um Jahr der Vater, sein unverheirateter Bruder und alle fünf Kinder ums Leben kommen und am Ende nur die Mutter zurückbleibt, "Niobe ohne Tränen", dann findet der sich Erinnernde einen Ton der Anteilnahme, der eindringlich ist, ohne sich mit dramatischer Rührung aufzudrängen.

          Die ersten achtzig Seiten von Adorfs "Himmel und Erde" sind schlicht großartig. Doch es folgen noch weitere hundertachtzig, und es vollzieht sich ein unerklärlicher Bruch. Unversehens ist aus dem heranwachsenden Mario der Schauspieler Adorf geworden, der zwinkernd Blicke hinter die Kulissen seiner Profession wirft, als gälte es, einen Preis für die pfiffigste Theater- oder Filmanekdote zu gewinnen. Gewiß werden die Hunderte von Fährnissen bei Dreharbeiten und Bühnenauftritten nie ohne das notwendige Quentchen Selbstironie beobachtet, gewiß läßt das spöttische Paradieren sich wunderlich aufführender Kollegen den Respekt des gewissen "Dennoch" nie missen, aber wo Adorfs Sprache zuvor punktgenau war, wird sie nun plaudrig. Das ermüdet doch zusehends.

          Eitel aber wenigstens gibt sich dieser Schauspieler als Autor nie. Das bleibt einem anderen aus der Zunft der populären deutschen Mimen vorbehalten, Manfred Krug, dessen Erinnerungsband "Mein schönes Leben" schon eine Weile länger auf dem Memoirenmarkt ist als der Adorfs. Der knurrige Kauz und Kraftbolzen, den Krug in seinen Rollen mit Vorliebe vorstellt, wird auch in seinem Erzählton unmittelbar präsent, wobei der literarische Ehrgeiz des Schreibenden dem Leser zu Anfang einiges an Beherrschung abverlangt. Krug, ganz dem se rappeler verpflichtet, sucht nämlich die Zeit, von der er berichtet, jeweils aus der Perspektive des Alters zu fixieren, in dem er in den entsprechenden Jahren war, und das führt in den ersten Kapiteln zu einer nur schwer erträglichen Mischung gesuchter Naivität mit altkluger Pointensucht.

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